Klima & Gesundheit: Bewegung ist besser als Spritsparen

Statt Autos mit niedrigem Benzinverbrauch zu kaufen sollten umweltbewusste Menschen lieber aufs Fahrrad umsteigen oder zu Fuß gehen, rät ein internationales Team von Wissenschaftlern. Wie Professor Ian Roberts, James Woodcock und deren Kollegen in der Fachzeitschrift Lancet für die Großstädte London und Delhi vorrechnen, ließe sich damit nicht nur die Luftverschmutzung reduzieren, sondern auch mehrere Tausend Todesfälle jährlich verhindern. Die Forscher von der London School of Hygiene and Tropical Medicine sowie weiterer Einrichtungen in Großbritannien, Indien, den USA und Neuseeland hatten mehrere Szenarien für die Verkehrsplanung bis zum Jahr 2030 entworfen und deren Auswirkung auf die Gesundheit der Menschen berechnet.

Trotz der gewaltigen Unterschiede zwischen den beiden Millionenstädten London und Delhi ergaben sich in beiden Fällen klare Vorteile für eine Politik, bei der die Bedürfnisse von Fußgängern und Radfahrern gegenüber dem motorisierten Verkehr Vorrang haben. Für die englische Hauptstadt mit ihren 7,5 Millionen Einwohnern ließen sich dadurch ein Zehntel bis zu einem Fünftel aller Herzerkrankungen und Schlaganfälle verhindern, was bis zu 6800 Todesfällen jährlich entsprechen würde. Auch an Demenzen, Brust- und Darmkrebs sowie an Diabetes und Depressionen würden voraussichtlich jeweils mehrere Hundert Menschen pro Jahr weniger sterben, schätzen die Forscher. Bei ihren Hochrechnungen berufen sie sich auf insgesamt 79 Studien mit mehr als einer Million Teilnehmern. Sie alle haben gezeigt, dass Menschen, die sich mehr bewegen, seltener von den genannten Krankheiten betroffen sind.

Vergleicht man nun die Bevorzugung von Fußgängern und Radfahrern mit einer Politik, die auf den vermehrten Einsatz von Energie sparenden Autos setzt, so brächte die Förderung der „aktiven Bewegung“ in London einen 40 Mal größeren Nutzen für die Gesundheit; in Delhi wäre der Nutzen sieben Mal so groß. Dabei gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die Londoner doppelt so viel zu Fuß gehen wie heute und acht mal so große Entfernungen mit dem Fahrrad zurück legen. Im Jahr 2030 müssten sie dann im Durchschnitt 573 Kilometer laufen und 1239 Kilometer Rad fahren. Die Forscher merken an, dass solche Werte in einigen besonders umweltbewussten Städten Europas bereits erreicht werden, beispielsweise in Kopenhagen, Amsterdam und Freiburg.

In ihren Szenarien haben Roberts und Woodcock auch den Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid berechnet. Macht man ohne große Änderungen weiter wie bisher („Business-as-usual“), so wird sich der Ausstoß pro Kopf in London auf 1,17 Tonnen erhöhen – eine Zunahme von vier Prozent gegenüber dem Jahr 1990. Erzwingt die Politik den Einsatz Energie sparender Autos, so würde der Pro-Kopf-Ausstoß von CO2 auf 0,73 Tonnen sinken – ein Rückgang um 35 Prozent gegenüber dem Jahr 1990. Anreize, mehr zu Fuß zu gehen und das Fahrrad zu benutzen, hätten einen geringfügig größeren Effekt auf die CO2-Emissionen: Jeder Londoner würde dann 0,69 Tonnen Kohlendioxid verantworten; das wären 38 Prozent weniger als im Jahr 1990.

Den größten Gewinn für Mensch und Umwet hätte man, wenn beide Maßnahmen miteinander verbunden würden. Mit einem Pro-Kopf-Ausstoß von 0,45 Tonnen CO2 wäre dann eine Verringerung des Werte von 60 Prozent gegenüber 1990 erreicht. Die Einwohner von Delhi würden dann mit 0,36 Tonnen zwar weniger CO2 als ihre Zeitgenossen in London verursachen, ihr Ausstoss gegenüber 1990 hätte sich gleichwohl verdoppelt.

„Wenn man Stadtfahrten mit dem eigenen Auto durch aktive Bewegung ersetzt, lassen sich erhebliche Gewinne für die Gesundheit und reduzierte Kohlendioxid-Emissionen erreichen“, bilanzieren die Forscher. Den Stadt- und Verkehrsplanern empfehlen sie: „Der Gang zu Fuss oder die Fahrt mit dem Rad sollte in der Stadt jeweils die direkteste, bequemste und schönste Route sein.“ Dafür müsse man Investitionen umschichten vom Straßenbau hin zu einer besseren Infrastruktur für Radfahrer und Fußgänger. „Gegenüber Autos und Lastwagen sollten Fußgänger und Radfahrer den direkten Weg für sich haben und an den Kreuzungen die Vorfahrt genießen“, fordert das Wissenschaftlerteam.

Quelle:

Woodcock, J et al. Public health benefits of strategies to reduce greenhouse-gas emissions: urban land transport. The Lancet, online 25 November 2009 DOI:10.1016/S0140-6736(09)61714-1

MSimm
Journalist für Medizin & Wissenschaft

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