Vitiligo

Eine fortschreitende, nicht ansteckende Hautkrankheit, die bislang nicht geheilt werden kann. Typisch sind scharf begrenzte, hellrosa bis kalkweiße Flecken. Sie treten oft symmetrisch auf, bilden einen auffälligen Kontrast zur natürlichen Hautfarbe, und finden sich vorwiegend an den Körperöffnungen, sowie am Rumpf und den Extremitäten. Dies ist zwar nicht gefährlich, kann jedoch insbesondere für dunkelhäutige Menschen ein großes kosmetisches Problem darstellen. Angeblich soll auch der verstorbenen Pop-Star Michael Jackson unter Vitiligo gelitten haben.

Betroffen sind – je nach Quelle – zwischen 0,5 und 2,0 % der Bevölkerung. Meist beginnt die Krankheit im Alter zwischen 10 und 30 Jahren.

Ursache ist eine Fehlfunktion des Immunsystems. Sie führt zum Verlust jener Zellen (Melanozyten), die in der Haut den gelblichen bis schwarzen Farbstoff Melanin bilden.

Wenn es nicht ausreicht, kleinere Flecken mit Schminke abzudecken, kann die Behandlung mit Entzündungshemmern (Glukokortikoide und Calcineurininhibitoren) erfolgen, oder mit einer Phototherapie, die aber nicht bei allen Patienten erfolgreich sind.

Eine Alternative ist bei kleineren betroffenen Flächen die Übertragung von Gewebe von nicht betroffenen Körperteilen des Patienten. Letzter Ausweg bei größeren Flächen ist die vollständige Entfärbung (Depigmentierung) der Haut mit einem Bleichmittel (Monobenzon), das aber über mehrere Monate hinweg mehrmals täglich aufgetragen werden muss.

In den letzten Jahren wurden mindestens drei neue Wirkstoffe erprobt: Afamelanotid, ein künstliches Hormon, beschleunigte in einer Studie mit 55 Patienten den Effekt einer Lichttherapie und vergrößerte die gebräunte Fläche um ca. 50 Prozent. Obwohl die Herstellerfirma Clinuvel bereits 2014 eine Zulassung für Vitiligo beantragen wollte, liegt dafür noch keine behördliche Genehmigung vor (Stand 21.7.20).

Ein Jahr nach der Studie mit Afamelanotid berichteten Hautärzte der Yale School of Medicine von einer einzigen Patientin mit Vitiligo, der sie das Rheuma-Medikament Tofacitinib gegeben hatten. Binnen fünf Monaten verschwanden daraufhin die meisten der weißen Flecken im Gesicht und auf den Händen dieser Frau. Diese Spur wurde anscheinend nicht weiter verfolgt. Eine Zulassung zu Behandlung der Vitiligo hat Tofacitinib bis heute nicht (Stand 21.7.20).

Die bislang größte Studie zur Vitiligo wurde im Juli 2020 berichtet. Gesponsert von der Herstellerfirma Incyte erhielten hier 157 Patienten eine Hautcreme entweder mit oder ohne Ruxolitinib, ein dem Tofacitinib verwandter Wirkstoff, der das Immunsystem dämpft. Die Erfolgsrate war relativ hoch; etwa die Hälfte der Betroffenen erreichten unter Ruxolitinib eine Dunkelfärbung der betroffenen Hautareale von mehr als 50 %, und im Gesicht waren es bei ca. einem Drittel der Patienten sogar mehr als 90 Prozent. In einem Kommentar zu dieser Studie schreibt Thierry Passeron von der Universität Nizza, dass Ruxolitinib womöglich in Kombination mit Sonnenlicht oder künstlicher UV-Bestrahlung noch besser wirken könne. Obwohl Ruxolitinib gegen andere Erkrankungen seit 2012 zugelassen ist, steht es für die Behandlung der Vitiligo außerhalb klinischer Studien noch nicht zur Verfügung (Stand 21.7.20).

Quellen:

Krebspatienten oft schlecht ernährt

Etwa jeder dritte Krebspatient, der in einer Schwerpunktpraxis versorgt wird, ist unzureichend ernährt. Herausgefunden hat dies ein Team um Professor Hans Hauner, Leiter des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin der Technischen Universität München. Veröffentlicht wurden die Erkenntnisse jetzt in der Deutschen Medizinischen Wochenzeitschrift.

Bisher gab es keine derartigen Untersuchungen zu ambulanten Patienten in Deutschland. Dies, obwohl Schätzungen nach Angaben der Forscher ergeben haben, dass etwa ein Viertel aller Tumorpatienten nicht an ihrer Grunderkrankung versterben, sondern an den Folgen einer damit verbundenen Mangelernährung. Die Therapie ist bei den geschwächten Patienten weniger erfolgreich, es kommt häufiger zu Komplikationen und natürlich verringert sich die Lebensqualität der Betroffenen.

Um herauszufinden, wie groß das Problem ist, haben Hauner und dessen Kollegen 44 Praxen im südbayerischen Raum angeschrieben und um Unterstützung gebeten. Leider haben nur 17 dieser Praxen mitgemacht, was die Genauigkeit der Ergebnisse schmälern dürfte. Vermutlich haben diejenigen, die wenig Interesse an dem Thema haben, auch seltener an der Umfrage teilgenommen. Die Daten spiegeln deshalb womöglich eher die Situation in Praxen, wo man sich des Problems bewusst ist. Heraus kam jedenfalls, dass unter 17 teilnehmenden Schwerpunktpraxen für Onkologie:

  • Nur eine Praxis beim ersten Kontakt systematisch nach einer Mangelernährung gesucht hat,
  • nur drei Praxen allen Patienten eine vorbeugende Ernährungsberatung angeboten haben,
  • in zehn Praxen eine Beratung nur dann erfolgte „wenn der Ernährungszustand dies erforderte“,
  • und dass nicht einmal jeder dritte Patient nach der Diagnose eine Ernährungsberatung erhalten hatte.

Unter den 765 Patienten, die die Fragebögen ausgefüllt hatten, war die Mangelernährng weit verbreitet. Dies wurde mit zwei verschiedenen Skalen gemessen, der MUST (Malnutrition Universal Screening Tool) und dem NRS-2002 (Nutritional Risk-Screening-2002). Der MUST fand ein mittleres Risiko für eine Mangelernährung bei 15,4 Prozent der Teilnehmer, und ein hohes Risiko bei 19,5 Prozent. Laut NRS-2002 hatten 29,1 Prozent ein erhöhtes Risiko. Im Mittel hatten die Patienten in den drei bis sechs Monaten vor der Befragung 2,7 Kilogramm abgenommen, und etwa jeder siebte hatte sogar mehr als ein Zehntel seines Ausgangsgewichts verloren.

In einer begleitenden Pressemitteilung heißt es: “Der Ernährungsexperte sieht einen dringenden Handlungsbedarf, um vorhandene Versorgungslücken zu schließen. Ein Screening und eine darauf abgestimmte frühzeitige Ernährungsberatung sollten ein fester Bestandteil in der ambulanten Betreuung von Patienten mit einer Tumorerkrankung sein.”

(Was man aber auch erwähnen sollte ist ein potenzieller Interessenkonflikt Hauners, der natürlich die Bedeutung einer Ernährungsberatung betont, dabei neben seiner Position als Institutsleiter zugleich Buchautor und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Danone Deutschland, Oviva Gmbh, Boehringer Ingelheim und Novo Nordisk ist. Gespannt warten wir hier deshalb auf weitere Studien die zeigen, wie die geforderten Interventionen sich auf die Lebensqualität und auf die Lebenserwartung der Patienten auswirken.)

Quellen:
Hauner H et al: Häufigkeit eines Risikos für Mangelernährung bei Patienten in onkologischen Schwerpunktpraxen – eine Querschnittserhebung. Dtsch Med Wochenschr. 2020;145(1):e1–e9. doi:10.1055/a-1008-5702.

Google-Technik erkennt Brustkrebs

Die Mammographie ist ein Verfahren, bei dem Röntgenbilder der weiblichen Brust angefertigt werden. Ziel ist es, eine Krebserkrankung möglichst früh zu erkennen, genauer zu erfassen, oder auszuschließen. Die schwierige Aufgabe erfordert ein langes Fachstudium, und selbst Radiologen mit großer Erfahrung liegen mit ihren Beurteilungen nicht selten daneben. Die Folge sind falsche Alarme („falsch Positive“), die zur Verunsicherung der Frauen führen und zu Nachuntersuchungen, die sich erst im Rückblick als unnötig herausstellen. Dazu kommen noch Tumoren, die übersehen werden („falsch Negative“), und die weniger gut behandelt werden können, wenn sie schließlich doch auffällig werden.

Genauere Diagnosen erhofft man sich von der Technik der künstlichen Intelligenz (KI), die von Firmen wie Google und Microsoft erforscht und zunehmend eingesetzt wird. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der selbstlernenden Computerprogrammen, die Anhand von Bildern und anderen Mustern Vorhersagen treffen sollen.

Eine Studie, die jetzt in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht – und von Google finanziert wurde – zeigt, wohin die Reise gehen könnte: Ein Forscherteam trainierte die Software mit Mammographie-Bildern von 26.000 Frauen aus Großbritannien und 3000 aus den USA. Ob die Diagnosen richtig waren, konnte man überprüfen, weil die Frauen etwa 3 Jahre später erneut untersucht wurden.

Beim Vergleich der Vorhersage-Genauigkeit hatte die Software sowohl weniger falsche Alarme verursacht, als auch weniger Tumoren übersehen. Auch als die Forscher das KI-System lediglich mit den britischen Daten trainierten, und anschließend anhand der US-Daten testeten, war „Dr. Google“ überlegen. Gegenüber den US-Ärzten hatte die Software 3,5 Prozentpunkte weniger falsch Positive und 8,1 Prozentpunkte weniger falsch Negative. Dies zeigt, dass die Software länderübergreifend zum Einsatz kommen könnte und nicht nur in jenen Regionen, wo sie ursprünglich getestet wurde. Theoretisch könnten daher weltweit Engpässe in der Versorgung gelindert und vielerorts die Qualität verbessert werden.

Kritisch anzumerken ist allerdings, dass die Studie die Praxisbedingungen in vielen Ländern mit guter Versorgung ignoriert hat. So war die „statistisch signifikante“ Überlegenheit der Google-Software in Großbritannien nicht besonders ausgeprägt und bezog sich nur auf die jeweils ersten Radiologen, die dort die Mammogramme begutachtet haben. Üblich ist im britischen System – wie auch im deutschen – allerdings die Prüfung durch (mindestens) 2 Radiologen, von denen der zweite den Befund des ersten kennt. Legt man diesen Maßstab an, so war KI-System weniger gut als jeweils 2 Fachärzte. Der Unterschied war allerdings gering, und es ist abzusehen, dass lernfähige KI-Systeme wie das hier getestete schon bald zur Ausstattung einer modernen Praxis gehören werden. Wenn schon nicht als „Dr. Google“ dann vielleicht als „Assistent Google“.

Quelle: McKinney SM, Sieniek M, Godbole V, et al. International evaluation of an AI system for breast cancer screening. Nature. 2020;577(7788):89–94. doi:10.1038/s41586-019-1799-6.

(Publikumsversion eines nur für Ärzte zugänglichen Fachartikels für Univadis.de, erschienen am 5. Januar 2020)

Übergewicht und Demenz

Erkranken dicke Frauen häufiger an einer Demenz? Diese Frage haben sich Forscher um Sarah Floud vom Nuffield Department of Population Health an der Universität Oxford vorgenommen, und dafür Daten aus der „Million Women Study“ angeschaut. Wie der Name schon sagt haben daran – in den Jahren 1996 bis 2001 – mehr als eine Million Frauen in Großbritannien teilgenommen, die zwischen 50 und 64 Jahre alt waren.

Heraus kam, dass in der Tat Frauen, die im mittleren Lebensabschnitt stark übergewichtig sind, ein mäßig erhöhtes Risiko haben, später an einer Demenz, wie z.B. Alzheimer zu erkranken. Wegen der großen Zahl der Teilnehmerinnen und der langen Beobachtungszeit (durchschnittlich 18 Jahre) darf man mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass dieses Ergebnis „real“ ist, also nicht auf zufälligen Schwankungen oder Fehlern bei der Analyse beruht.

Was wurde gemessen? Erst Mal der Body-Mass-Index (BMI), der das Körpergewicht im Verhältnis zur Größe angibt. Normal sind 18,5 bis 24,9, darüber beginnt das Übergewicht, und ab einem Wert von 30 spricht man von Adipositas (auf deutsch: Fettleibigkeit). Erfasst wurde außerdem, wieviel die Frauen sich bewegt haben, und für mehr als die Hälfte auch das Essverhalten.

Unter den 18695 Frauen, die in dieser Untersuchung später an Demenz erkrankten, waren solche mit einem (früheren) BMI über 30 eindeutig gehäuft vertreten. Das Risiko für diese, stark übergewichtigen, Frauen war aber „nur“ um 21 Prozent erhöht gegenüber jenen, deren Gewicht normal war.

Ob das Übergewicht auch die Ursache der Demenz war, ist mit solch einer Studie allerdings nicht zu beweisen. Möglich ist auch, dass die Fettleibigkeit andere Vorgänge im Körper widerspiegelt (wie beispielsweise erhöhte Blutfettwerte, die zu einer Arterienverkalkung führen, die wiederum als Ursache von Demenzen anerkannt ist).

Übrigens spielten die anderen Punkte langfristig offenbar keine Rolle: Weder wirkte sich die Kalorienaufnahme auf das Demenzrisiko aus, noch war es bei jenen erhöht, die sich weniger als ein Mal pro Woche körperlich betätigt hatten.

Quelle:
Floud S, Simpson RF, Balkwill A, et al. Body mass index, diet, physical inactivity, and the incidence of dementia in 1 million UK women. Neurology. 2019;10.1212/WNL.0000000000008779. doi:10.1212/WNL.0000000000008779.

Finanzierung: UK Medical Research Council, Cancer Research UK.

(Publikumsversion eines nur für Ärzte zugänglichen Fachartikels für Univadis.de, erschienen am 3. Januar 2020)

Überschätzte Krebskiller?

Sie gelten als einer der größten Fortschritte im Kampf gegen den Krebs, und ihre Entdecker Tasuku Honjo und James P. Allison erhielten auch prompt den Nobelpreis für Medizin des Jahres 2018: Immuncheckpoint-Inhibitoren sind eine neue Klasse von Medikamenten, welche die eingebauten Bremsen des Immunsystems zu lösen vermögen. Vor allem beim „schwarzen Hautkrebs“ (Melanom) und bei der häufigsten Form von Lungenkrebs, dem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC) wurden damit in einigen Studien die Ergebnisse der bisher angebotenen Chemotherapien übertroffen.

In den Fachzeitschriften gibt es eine wahre Flut von Berichten zu Präparaten wie Ipilimumab (Yervoy), Nivolumab (Opdivo) und Pembrolizumab (Keytruda), die bei einer wachsenden Zahl von Krebsarten erprobt werden. Bei aller Euphorie wird jedoch oft übersehen, dass die vermeintlichen Wundermittel längst nicht für alle Krebspatienten in Frage kommen. In den USA sind es, einer neuen Untersuchung zufolge, derzeit „nur“ 40 Prozent – also weniger als die Hälfte.

Unter diesen 40 Prozent wiederum profitiert längst nicht jeder von den neuen Arzneien. Wie der Hämatologe Vinay Prasad vom Knight Cancer Institute der Oregon Health & Science University in Portland mit seiner Kollegin Alyson Haslam errechnet hat, liegt die Ansprechrate vielmehr bei 13 % – und das entspricht nur etwa einem unter sieben Patienten. Dabei ist die Ansprechrate auch nicht mit einer Heilung gleichzusetzen. Gemeint ist vielmehr, dass die Tumoren zumindest vorübergehend um mehr als die Hälfte schrumpfen. Das verschafft den Patienten Zeit, und einige, die zuvor verstorben wären, verdanken den Immuncheckpoint-Inhibitoren wohl tatsächlich ihr Leben.

Die gute Nachricht ist, dass der Anteil der Patienten, die für eine Therapie mit Immuncheckpoint-Inhibitoren in Frage kommen, sich ständig erhöht hat. Er lag im Jahr 2011 erst bei 1,5% und nun bei 43,6 %. Auch für die Ansprechrate ist die Tendenz positiv – sie lag noch im Jahr 2015 erst bei 5,9 %. Zu den oben genannten Ipilimumab, Nivolumab und Pembrolizumab, sind bis 2018 drei weitere Präparate hinzu gekommen, nämlich Atezolizumab, Avelumab und Durvalumab. Und behandelt werden dürfen mittlerweile nicht mehr nur das Melanom und der Lungenkrebs, sondern auch das Hepatozelluläre Karzinom, Nierenzellkarzinom, Blasenkarzinom, Hodgkin-Lymphom, Plattenepithelkarzinom von Kopf und Hals, Merkelzell-Karzinom, Magen- und bestimmte Formen von Darmkrebs, das Zervixkarzinom und eine Form von Blutkrebs, das primär mediastinale B-Zell-Lymphom.

Auch wenn die Autoren also die Bilanz der Immuncheckpoint-Inhibitoren „bescheiden“ nennen, und ihre Zahlen tatsächlich eine wichtige Grundlage für realistische Diskussionen sind, so gibt es durchaus gute Gründe, das Glas als halb voll zu betrachten.

Haslam A, Prasad V. Estimation of the Percentage of US Patients With Cancer Who Are Eligible for and Respond to Checkpoint Inhibitor Immunotherapy Drugs. JAMA Netw Open. 2019 May 3;2(5):e192535. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2019.2535.

Patienten-Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO) zur Immuntherapie und deren Nebenwirkungen (pdf-Format).

Volkssport Couchsurfen

Eine, vom Nationalen Krebsinstitut mitfinanzierte, Langzeitstudie zeigt, dass US-Amerikaner unverändert lange auf ihrem Hintern sitzen. Damit verbringen sie sechs bis acht Stunden täglich – eine Zeitspanne, die sich zwischen 2001 und 2016 kaum verändert hat.

Herausgefunden hat dies ein Team um die Epidemiologin Dr. Lin Yang von der Forschungsstelle Cancer Epidemiology and Prevention Research, CancerControl Alberta (Kanada). Sie wertete die Daten aus einer regelmäßig stattfinden landesweiten Umfrage aus, dem National Health and Nutrition Examination Survey. Unter den fast 52000 Studienteilnehmern waren 10359 Kinder, 9639 Jugendliche und 31898 Erwachsene. Die Daten beruhten allerdings nicht wie heute üblich auf der Auswertung von Fitnessarmbändern, sondern auf der Selbsteinschätzung der Befragten.

Dabei kam heraus, dass im letzten Erfassungszeitraum 2015/2016 unter den Kindern 62 Prozent täglich mindestens zwei Stunden Fernsehsendungen oder Videos anschauten.  Unter den Jugendlichen war dieser Anteil mit 59 Prozent und bei Erwachsenen mit 65 Prozent ähnlich groß, und bei den Rentnern ab 65 Jahren lag er sogar bei 85 Prozent.

Im Vergleich der Jahre seit 2001 hatte es bei den Kindern zwar eine leichte Abnahme gegeben (um 3,4 Prozentpunkte), dafür schauten die Senioren im Schnitt aber 3,5 Prozent länger, sodass die Gesamtbilanz unverändert blieb.

In allen Altersgruppen zugenommen hat der Anteil derjenigen, die täglich außerhalb der Arbeit oder Schule für mindestens eine Stunde am Computer saßen. Bei Kindern stieg dieser Anteil von 43 auf 56 Prozent, bei Jugendlichen von 53 auf 57 Prozent, und bei Erwachsenen gar von 29 auf 50 Prozent.

Experten und Fachgesellschaften haben wiederholt vor den Gefahren des zu langen Sitzens gewarnt („Sitzen ist das neue Rauchen“). Klar ist, dass zu wenig Bewegung insbesondere das Risiko für Herzkrankheiten erhöht. Genutzt haben die Appelle jedoch wenig. Im Gegenteil lief der Trend – zumindest in den USA – im vergangenen Jahrzehnt in die falsche Richtung. Als die Forscher für die aktuelle Erhebung die Gesamtsitzzeiten in den Jahren 2007 bis 2016 verglichen, fanden sie bei den Jugendlichen eine Zunahme von 7 auf 8,2 Stunden täglich und für Erwachsene von 5,5 auf 6,4 Stunden täglich. Selbst diese Zahlen könnten das wahre Ausmaß der „Sitzepidemie“ noch unterschätzen. Für die aktuelle Auswertung hatte man nämlich weder die Zeit am Telefon noch das Lesen von Büchern berücksichtigt.

Yang L et al.: Trends in Sedentary Behavior Among the US Population, 2001-2016. JAMA. 2019 Apr 23;321(16):1587-1597. doi: 10.1001/jama.2019.3636.

Kritik an Tabletten-Inhaltsstoffen

Viele der angeblich „inaktiven“ Hilfsstoffe in Tabletten könnten Nebenwirkungen verursachen, warnen Experten des Massachussetts Institute of Technology (Cambridge) in der Zeitschrift Science Translational Medicine.

Für ihren Bericht haben die Mediziner um den Schweizer Dr. Daniel Reker zwar keine eigenen Experimente angestellt. Allerdings durchforsteten sie zwei große Arzneimitteldatenbanken nach Inhaltsstoffen und verglichen diese Informationen mit Literaturangaben zu möglichen Nebenwirkungen.

Die Ergebnisse der vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanzierten Recherche lauten:

  • die in den USA am häufigsten geschluckten Tabletten enthalten – außer den eigentlichen Wirkstoffen – mehr als 70 verschiedene Inhaltsstoffe.
  • Spitzenreiter war der Blutfettsenker Atorvastatin, von dem jede einzelne Tablette 0,77 Gramm „inaktiver“ Hilfsstoffe enthält. Im Durchschnitt der untersuchten Tabletten waren es 0,28 Gramm und damit fast doppelt so viel wie von dem eigentlichen Wirkstoff.
  • Am häufigsten verwendet wurde der Hilfsstoff Magnesiumstearat. Er fand sich in 72 Prozent aller Proben.
  • Im Durchschnitt waren je Tablette 8 verschiedene Hilfsstoffe enthalten.
  • Zu 38 der „inaktiven“ Substanzen fanden die Forscher Berichte über allergische Reaktionen nach der Einnahme. Mindestens einer dieser Stoffe wiederum war in mehr als 90 Prozent aller untersuchten Tabletten enthalten.
  • Ein Drittel aller Medikamente enthielt Farbstoffe und fast die Hälfte (45 Prozent) Laktose – dies obwohl 75 Prozent der Weltbevölkerung eine Laktose-Intoleranz haben.
  • Unter bestimmten Zuckern, die von Patienten mit Reizdarmsyndrom gemieden werden sollten, (den vergärbaren Mehrfach-, Zweifach- und Einfachzuckern, „FODMAPs“) war in mehr als der Hälfte aller Tabletten mindestens einer enthalten, teilweise in Mengen von mehr als einem halben Gramm.

In ihrem Bericht geht es den Wissenschaftlern nicht um Panikmache. „Für die meisten Patienten macht es keinen Unterschied, ob sie ein bisschen Laktose, Fruktose oder Stärke zu sich nehmen“, sagt Erstautor Reker. Allerdings: „Es gibt eine Untergruppe von Patienten – und wir wissen nicht, wie viele das sind – die extrem empfindlich auf diese Substanzen reagieren“.

Tipp: Durch einen Artikel in der Pharmazeutischen Zeitung wurde ich auf eine App aufmerksam, die hilft, unerwünschte Stoffe in Tabletten, Kapseln oder Salben zu erkennen. Sie heißt „whatsin my meds“ und ist sowohl für Android als auch für iPhone in einer kostenlosen und einer Bezahlvariante verfügbar.

Reker D et al.: „Inactive“ ingredients in oral medications. Sci Transl Med. 2019 Mar 13;11(483). pii: eaau6753. doi: 10.1126/scitranslmed.aau6753.

Trafton A. „“Inactive” ingredients may not be, study finds„, MIT News Office, 13. März 2019.

Künstliche Intelligenz erkennt schwarzen Hautkrebs

Allmählich müssen Hautärzte (Dermatologen) sich Sorgen machen, dass Kollege Computer ihnen Konkurrenz macht. Grund dafür ist die zunehmende Leistungsfähigkeit von Programmen aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI), die selbstständig lernen können. Das Ergebnis eines, vom Bundesministerium für Gesundheit finanzierten Projektes lässt jedenfalls Staunen: Nachdem die Software mit mehr als 12000 Bildern von klinisch bestätigtem schwarzem Hautkrebs (Melanom) und gutartigen Veränderungen (Naevi) „gefüttert“ wurde, trat das System in der zweiten Runde gegen 157 Dermatologen von zwölf deutschen Universitätskliniken an – und schlug die meisten von ihnen.

In einer Art Wettkampf waren Bilder von 80 harmlosen Muttermalen und 20 bösartigen Melanomen einzuordnen. Den Autoren der im European Journal of Cancer erschienenen Studie waren die Untersuchungsergebnisse der zugehörigen Patienten bekannt, die KI-Software sollte sich dagegen auf ihre „Erfahrungen“ aus der Trainingsrunde stützen.

Dabei schnitt sie besser ab als 136 ihrer 157 menschlichen Konkurrenten. Vom Assistenz- bis zum Chefarzt waren unter den Dermatologen alle Ränge vertreten – und doch schafften es in der Einzelwertung nur sieben von ihnen, genauer zu sein als die Software und weniger Fehler zu machen. Immerhin weitere 14 Ärzte waren aber gleich gut wie die Software.

Kein Zweifel, „der Einsatz von künstlicher Intelligenz wird in der Dermatologie zukünftig wichtiger werden, um präzise Diagnosen zu erstellen“, kommentierte Jochen Sven Utikal, Leiter der Klinischen Kooperationseinheit des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), in einer begleitenden Pressemitteilung. Der Computer, bzw. das KI-Programm wird also zum Kollegen, ersetzen wird er den Hautarzt vorläufig aber nicht. Denn in der Praxis sind die Probleme oftmals komplizierter. Dort gilt es, zwischen mehr als 100 verschiedenen Hautveränderungen zu unterscheiden, und nicht nur zwischen Muttermalen und schwarzem Hautkrebs. Studienleiter Titus Brinker macht sich um die Zukunft offenbar keine Sorgen: „“Es ist ähnlich wie beim Autopiloten im Flugzeug: Bei gutem Flugwetter und häufigen Strecken ist das Assistenzsystem hilfreich. Bei schwierigen Landungen muss ein erfahrener Pilot hingegen Verantwortung übernehmen. Das kann ein Computer so allein nicht leisten.“

Brinker TJ et al.: Deep learning outperformed 136 of 157 dermatologists in a head-to-head dermoscopic melanoma image classification task. Eur J Cancer. 2019 Apr 10;113:47-54. doi: 10.1016/j.ejca.2019.04.001.

Hut auf, wer im Freien schafft!

In der Hitze des Sommers sendet die Sonne ein Warnzeichen, wenn sie vom Himmel brennt. Allzu vielen Menschen scheint dies jedoch egal zu sein, ergab eine Stichprobe, die Hautärzte am Rande des Oktoberfests erfasst haben. Neun Tage lang hatten die Experten Besuchern beim Bayerischen Zentral-Landwirtschaftsfest kostenlose Untersuchungen der Haut angeboten. Das wichtigste Ergebnis lautet: Menschen, die im Freien arbeiten, sind sehr viel häufiger an einer Vorstufe von Hautkrebs erkrankt, als man bisher dachte, der Aktinischen Keratose. 

Mehr als die Hälfte der 2577 Probanden waren Landwirte, weitere 7 Prozent arbeiteten ebenfalls im Freien, und nur ein Drittel waren ausgesprochene „Schreibtischtäter“. Obwohl die Teilnehmer der Untersuchung mit 52 Jahren verhältnismäßig jung waren, war etwa jeder Vierte an einer Aktinischen Keratose erkrankt: 41 Prozent waren es bei den Männern und 14 Prozent bei den Frauen.

Die Aktinische Keratose aber gilt als eine Vorstufe (Präkanzerose) des „Weißen Hautkrebs“ – genauer des Plattenepithelkarzinoms, an dem in Deutschland jährlich etwa 100000 Menschen erkranken. Eine wichtige Maßnahme zur Vorbeugung ist der Gebrauch von Sonnenschutz, doch in der aktuellen Untersuchung hatten ausgerechnet unter den im Freien Tätigen fast 60 Prozent darauf verzichtet. Überdies hatten diese Menschen auch noch seltener an einer der kostenlosen Hautkrebsuntersuchungen (Screening) teilgenommen, als die Durchschnittsbevölkerung.

Die Studie wurde zwar von der Firma Beiersdorf mitfinanziert, die unter anderem Sonnencremes verkauft, könnte aber dennoch als doppelte Warnung dienen: Die eine geht an die Ärzte, und mahnt sie, im Freien tätige Menschen besonders gründlich zu untersuchen. Die zweite Warnung betrifft diese Menschen selbst und erinnert sie, sich mit Kopfbedeckung und Sonnencremes zu schützen und die kostenlosen Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch zu nehmen.

Tizek L et al.: Skin diseases are more common than we think: screening results of an unreferred population at the Munich Oktoberfest. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2019 Mar 19. doi: 10.1111/jdv.15494.

Chorgesang schützt die Stimme

Kinder, die in einem Chor mitsingen, haben weniger Probleme mit dem Stimmapparat, so das Ergebnis einer Untersuchung aus Spanien. Die Befürchtungen vieler Eltern, die vielen Übungsstunden könnten die Stimme ruinieren, sind demnach unbegründet.

In einer spezialisierten Klinik (geleitet vom Erstautor der Studie, Pedro Clarós) wurden im Rahmen dieser Studie 752 Mitglieder von Kinderchören und 743 Kontrollpersonen aus der Region Barcelona untersucht, deren mittleres (medianes) Alter bei neun Jahren lag. Die Kinder hatten durchschnittlich 7,5 Stunden pro Woche geübt – und das über einen Zeitraum von 2,5 Jahren.

In der Klinik wurden sie mit der Methode der Videostroboskopie auf Veränderungen des Stimmapparates hin untersucht. Außerdem bekamen die Eltern einen Fragebogen, auf dem sie notierten, ob die Kinder zum Beispiel öfter heiser waren oder an Erkältungen litten.

Das Ergebnis spricht dafür, dass die Kindern in den Chören gut aufgehoben waren: Stimmerkrankungen waren nämlich bei ihnen mit 15,6 Prozent nur halb so häufig wie in der Kontrollgruppe nicht singender Kinder (32,4 %). Singende Kinder hatten beispielsweise seltener Zysten, Stimmlippenknötchen und Dysphonien – das sind Artikulationsstörungen, die auf eine Erkrankung des Kehlkopfes hinweisen.

Ob all diese Vorteile alleine den Gesangesübungen zu verdanken sind, ist aber nicht eindeutig bewiesen. Die Kinder, die in Chören sangen, waren nämlich auch häufiger bei HNO-Ärzten gewesen – ihre Stimmen wurde also gleich in zweierlei Hinsicht besser gepflegt, als bei den Kindern, die nicht im Chor waren.

Clarós P et al.: Association Between the Development of Pediatric Voice Disorders and Singing in Children’s Choir. JAMA Otolaryngol Head Neck Surg. 14. März 2019 (online). doi:10.1001/jamaoto.2019.0066