Mammographie mit weniger Schmerzen?

Aus Frankreich kommt eine Studie die helfen könnte, Frauen bei der Röntgen-Untersuchung der Brust (Mammographie) Schmerzen zu ersparen. Überraschend dabei ist, dass dies offenbar ohne Qualitätsverluste möglich ist. Ein Nachteil könnte sein, dass die Röntgenassistentinnen mehr Zeit für die Untersuchung benötigen.

Das Verfahren nennt sich „Selbst-Kompression“, was bedeutet, dass die Frauen bei einer Mammographie selbst mitwirken, wenn die Brust für die Röntgenaufnahme zwischen zwei Platten eingeklemmt wird. Hier ist ein hoher Druck nötig, um ein möglichst scharfes Bild zu bekommen. Die Einstellungen, die in der Regel von einer Röntgenassistentin vorgenommen werden, sind aber für viele Frauen schmerzhaft, und manche verzichten deshalb sogar auf die Kontrolltermine.

Für ihre Studie (Interest of Self-compression Technique on Tolerance of Mammography) haben französische Röntgenärzte um Philippe Henrot am Institut de Cancérologie de Lorraine 549 Frauen zwischen 50 und 75 Jahren nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt. Während die Frauen in der einen Gruppe wie üblich untersucht wurden, durften die Frauen der anderen Gruppe unter Anleitung der Assistenten selbst bestimmen, mit wie viel Druck die Brust für die Röntgenaufnahme zusammengepresst wurde.

Die Forscher verglichen dann als Maß für den Druck, auf welche Dicke die Brust im Durchschnitt zusammengepresst wurde – und fanden in beiden Gruppen ziemlich genau 5,2 Zentimeter. Die Andruckstärke wurde ebenfalls bestimmt. Sie war bei den Frauen, die an der Untersuchung mitwirken durften, im Durchschnitt fast ein Kilogramm höher. Die Schmerzen dagegen waren auf einer Skala von 1 bis 10 für die Selbst-Kompression mit median 2 Punkten eindeutig geringer als beim assistierten Verfahren (median 3 Punkte) . Diese Verbesserung ging nicht zu Lasten der Bildqualität: In beiden Gruppen musste etwa jede sechste Aufnahme wiederholt werden, was für die Mammographie einen normalen Wert darstellt.

Der einzige Nachteil, den die Selbst-Kompression in dieser Studie mit sich brachte, war, dass die Untersuchung länger dauerte. Etwa in jedem dritten Fall mussten nämlich die Röntgenassistentinnen einschreiten und weitere Anweisungen geben, wobei sie die Frauen meist ermutigten. In einer nachträglichen Befragung beklagten annähernd 70 Prozent der Assistentinnen den höheren Zeitbedarf. Mehr als die Hälfte antwortete mit „unentschlossen“ ob sie die Technik der Selbst-Kompression routinemäßig einsetzen würden. Ob das Verfahren eines Tages routinemäßig angeboten wird, dürfte jedoch vor allem an den Röntgenärzten liegen – und ob die Krankenkassen bereit wären, den erhöhten Aufwand zu bezahlen.

Henrot P et al.: Self-compression Technique vs Standard Compression in Mammography: A Randomized Clinical Trial. JAMA Intern Med. 2019 Feb 4. doi:10.1001/jamainternmed.2018.7169

USA: $30 Milliarden für Pharmawerbung

Umgerechnet 8,5 Milliarden Euro haben Pharmafirmen, Gerätehersteller und Verbände im Jahr 2016 in den USA ausgegeben, um direkt bei kranken Menschen und anderen „Verbrauchern“ für ihre Produkte zu werben. Die Ausgaben für diese sogenannte „Direct-to-Consumer (DCT)“-Werbung haben sich damit in nur 20 Jahren mehr als vervierfacht. Insgesamt wurden rund 30 Milliarden Dollar ausgegeben – das entspricht 26 Milliarden Euro.

Dies ist das Ergebnis einer Analyse der Gesundheitsforscher Lisa M. Schwartz und Steven Woloshin, die im Fachblatt JAMA des US-amerikanischen Ärzteverbandes veröffentlicht wurde. Während es in Deutschland und fast allen anderen Ländern verboten ist, rezeptpflichtige Medikamente direkt beim Verbraucher zu bewerben, ist dies in den USA erlaubt. Alleine für diesen Bereich wurden im Jahr 2016 insgesamt 4,6 Millionen Anzeigen geschaltet, davon 663.000 im Fernsehen. Der Trend, so berichten Schwartz und Woloshin, geht dabei immer mehr zu besonders teuren Behandlungen wie Immuntherapien gegen Krebs und biotechnologisch hergestellten Medikamenten.

Mit 20 Milliarden Dollar waren die Werbemaßnahmen für medizinische Fachkräfte zuletzt zwar etwa doppelt so hoch wie für die DTC-Werbung. Deren Anteil ist aber von ursprünglich 12 Prozent auf 32 Prozent gewachsen. Bei den Kampagnen geht es nicht nur darum, Ärzte und Patienten vom Nutzen bestimmter Pillen, Untersuchungen oder Labortests zu überzeugen. Teilweise zielen sie auch darauf ab, die Definition bestimmter Krankheiten zu verändern, sodass mehr Personen für eine Behandlung in Frage kommen.

Unter allen Ländern der Welt haben die USA im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt mit 16,8 Prozent die zweithöchsten Gesundheitskosten. In Deutschland sind es 11,2 Prozent.

Google weiß, wo es die Deutschen juckt

Mit einer ziemlich ungewöhnlichen Methode haben Forscher ermittelt, an welchen Stellen die Deutschen der Juckreiz (Pruritus) plagt und welche Krankheiten dafür vermutlich verantwortlich sind. Wie sie in der Fachzeitschrift „Hautarzt“ berichten, nutzten sie dafür ein Werkzeug, das eigentlich vom Suchmaschinenbetreiber Google für die Werbung entwickelt wurde.

Der sogenannte Google-AdWords-Keyword-Planner soll helfen,
Websitebesucher zu gewinnen, die Onlineverkäufe zu steigern, oder mehr Anrufe zu erhalten. Dabei werden den Nutzern, die nach bestimmten Themen suchen, maßgeschneiderte Anzeigen auf den Bildschirm gespielt. Gleichzeitig speichert Google aber auch die Suchbegriffe und liefert seinen Kunden detaillierte Auswertungen. Auf diese Datenberge haben die Forscher um den Dermatologen Dr. Alexander Zink von der Technischen Universität München zugegriffen und den Gebrauch von exakt 701 Stichworten rund um den Juckreiz ausgewertet.

Über 2 Jahre – vom Januar 2015 bis zum Dezember 2016 wurde von Rechnern, Smartphones und Tablets in Deutschland demnach exakt 7.531.890 Mal nach Juckreiz & Co. gegoogelt. Ganz oben in der Hitliste der häufigsten Anfragen standen:

  • Neurodermitis (24 Prozent)
  • Schuppenflechte (18 Prozent)
  • Psoriasis (13 Prozent) und
  • Ekzem (7 Prozent)

Da es sich bei Schuppenflechte und Psoriasis um die gleiche Krankheit handelt, und viele Ekzeme der Neurodermitis zugeordnet werden können, lässt sich schließen, dass diese beiden Leiden die Deutschen wohl am häufigsten mit Juckreiz plagen. Wenig überraschend: Dort, wo man aus den Anfragen auf mögliche Ursachen des Juckreizes schließen konnten, waren dies ganz überwiegend Hauterkrankungen (87 %). Erstaunlich dagegen: Im Winter wurde bis zu doppelt so häufig nach „Juckreiz“ gesucht, wie in den warmen Monaten des Jahres.

Und wo genau hat es die Deutschen gejuckt? Bei einem Viertel der diesbezüglichen Anfragen war es der ganze Körper, bei fast jedem Fünften der Analbereich (also am Hintern), außerdem an den Beinen, Händen, Ohren, Kopf und an den Genitalien. Danke Google – damit wäre das auch geklärt.

Zink A et al.: Pruritus in Deutschland – eine Google-Suchmaschinenanalyse. Hautarzt. 2018 Jun 6. doi: 10.1007/s00105-018-4215-5.

Fragwürdige Geldsammlung

Auf der Internetplattform GoFundMe werben schwerkranke Krebspatienten um Spender für Therapien, die Krankenkassen nicht bezahlen wollen. Eine Studie in der Fachzeitschrift Lancet Oncology fand heraus, dass mehr als 13000 Menschen bereit waren, dafür zu bezahlen – obwohl die Wirkung dieser Therapien nicht bewiesen ist, und sie möglicherweise sogar das Leben verkürzen.

Dass die Arbeiten von Philosophen in medizinischen Fachzeitschriften veröffentlicht werden, hat Seltenheitswert. Dass Professor Jeremy Snyder von der Simon Fraser University im kanadischen Burnaby es trotzdem geschafft hat, liegt an seinem Spezialgebiet: Wie Menschen die Hoffnungen anderer ausbeuten. Gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Rechtsprofessor Timothy Caulfield von der Universität Alberta hat Snyder sich deshalb auch bei GoFundMe umgesehen, der mit Abstand größten Internetplattform für das sogenannte Crowdfunding – also die Finanzierung von Erfindungen, Projekten und Kampagnen aller Art durch eine große Anzahl Menschen.

Die beiden Forscher machten ihre Stichprobe auf der englischsprachigen Hauptseite von GoFundMe am 8. Juni 2018 und durchsuchten die Inhalte nach Worten wie „Krebs“ und „Homöopathie“, um Kampagnen für eindeutig unbewiesene Krebsbehandlungen zu finden. In ihrer Momentaufnahme fanden sie 220 Kampagnen, die von 13621 Geldgebern unterstützt wurden. Die weitaus meisten Antragsteller (85 Prozent) kamen aus den USA, mehrere aus Kanada und Großbritannien, und jeweils eine Person aus Deutschland, Irland und Spanien.

Die Treffer wurden unter anderem bezüglich des erbetenen und gespendeten Geldes, der Weiterverbreitung in sozialen Medien wie Facebook und demographischer Daten der Antragsteller ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass die Antragsteller insgesamt etwas mehr als 5 Millionen Euro erbeten hatten ($ 5.795602). Dem standen 13621 Spender gegenüber, die sich verpflichtet hatten, mehr als 1,2 Millionen Euro zu zahlen ($ 1.413482) – also knapp ein Viertel der Gesamtsumme aller Anträge. Zusätzlich hatten die Besucher von GoFundMe die Kampagnen auf Facebook exakt 112353 Mal weiter verbreitet, indem sie diese teilten.

Bei 85 der 220 Patienten ruhten die Hoffnungen auf organischen Nahrungsmitteln und dem „Juicing“, also kalt gepressten Obst- und Gemüsesäften. 68 gaben an, sich mit dem Geld Nahrungsergänzungsmittel, Vitamine und Kräuter kaufen zu wollen, 30 hofften auf Infusionen von Vitamin C. Andere glaubten an Sauerstoff- und Ozonkuren, an die Akupunktur, Cannabis, Naturheilkunde, nicht zugelassene Immuntherapien, „Entgiftungen“, Geistheilungen, die chinesische Medizin, Misteln, Yoga, „Magnettherapie“ und zahlreiche weitere Verfahren, die von den Autoren allesamt als Krebsbehandlungen ohne Wirkungsnachweis betrachtet werden.

Der größte Teil der Antragsteller (38 Prozent) wollte ihre alternativen Therapien zusätzlich zur Schulmedizin anwenden. Fast ein Drittel (29 Prozent) lehnten die Schulmedizin jedoch generell ab. Sie hatten Angst vor den Folgen und/oder bezweifelten deren Wirkung. Ebenfalls fast ein Drittel lobte die Alternativmedizin mit falschen Behauptungen wie „Es ist bewiesen, dass die Homöopathie/Naturmedizin außergewöhnliche Heilungen erzielt und dass zahlreiche Patienten ihr das Leben verdanken.“

Tatsächlich hatte eine Studie erst vor kurzem gezeigt, dass krebskranke Anhänger der Alternativmedizin geringere Überlebensraten haben und ein höheres Risiko, zu versterben. Die Verzweiflung unter den Antragsstellern war offenbar groß, und viele sehr krank. Dies hatten die Forscher anhand der Informationen der Webseite festgestellt, aber auch durch die Auswertung von Sterberegistern, wo die genannten Namen auftauchten. So fanden sie heraus, dass mindestens 28 Prozent – also mehr als ein Viertel – der Patienten bereits verstorben waren.

Quelle

  • Snyder J, Caulfield T. Patients‘ crowdfunding campaigns for alternative cancer treatments. Lancet Oncol. 2019 Jan;20(1):28-29. doi: 10.1016/S1470-2045(18)30950-1.

Sportliche Alte stürzen seltener

Ältere Menschen, die mindestens ein Jahr lang zwei bis drei Mal wöchentlich trainieren, erleiden weniger Stürze und Sturzverletzungen. Dies berichten Dr. Philipe de Souto Barreto von der Universitätsklinik Toulouse und seine Kollegen in der Fachzeitschrift JAMA Internal Medicine.

Die Wissenschaftler haben allerdings keine eigene Untersuchung gemacht, sondern die Ergebnisse anderer Leute in einer sogenannten Meta-Analyse zusammengefasst.

In fünf verschiedenen Literaturdatenbanken suchten sie nach Studien mit Menschen ab 60 Jahren, die mindestens ein Jahr lang trainiert hatten, und bei denen man die Zahl der Stürze, Verletzungen, Brüche, Klinikeinweisungen und die Sterblichkeit mit einer Kontrollgruppe ohne solch ein Training verglichen hatte.

Die Ergebnisse von insgesamt 40 solcher Studien wurden bislang veröffentlicht. Sie hatten zusammen 21868 Teilnehmer (zwei Drittel davon Frauen), die im Durchschnitt 73 Jahre alt waren. Typischerweise waren diese Senioren drei Mal pro Woche für jeweils etwa 50 Minuten ins Training gegangen und hatten dort mit mittlerer Intensität Aerobic, Balance- und Kraftübungen gemacht.

Heraus kam, dass Senioren, die trainierten, ein zwölf Prozent niedrigeres Risiko hatten, zu stürzen. Stürze mit Verletzungen waren sogar um mehr als ein Viertel seltener (26 Prozent), und das Risiko für einen Knochenbruch schien um 16 Prozent kleiner. Hinweise auf schädliche Effekte des Trainings gab es keine. Damit wurde auch die Befürchtung entkräftet, dass der Sport bei den Senioren zu mehr Klinikeinweisungen oder gar Todesfällen führen könnte – etwa weil sie einen Herzinfarkt erleiden.

Besonders überraschend ist das Ergebnis nicht, denn andere Studien hatten zuvor schon gezeigt, dass weniger lange Fitnessprogramme die Sturzrate bei Senioren senken können. Neu ist jedoch die Erkenntnis, dass die längerfristigen Übungen auch für Menschen mit Herzerkrankungen und Nervenkrankheiten sinnvoll sein können.

Die Forscher selbst sprechen von einer „bescheidenen“ Verringerung des Sturzrisikos. Um dies zu erreichen sollten Senioren demnach zwei bis drei Mal pro Woche für jeweils 50 Minuten trainieren. Ein absoluter Schutz ist das allerdings nicht. In einem Kommentar zur Studie rechnen die US-Ärzte Ryan R. Kraemer und C. Seth Landefeld vor, dass für jeweils eine vermiedene Sturzverletzung 27 Senioren mindestens ein Jahr trainieren müssten. Und zur Verhinderung eines Bruches müssten sogar 100 Alte ein Jahr lang Sport treiben. Trotzdem sind Kraemer und Landefeld sich in ihrer Empfehlung an die Kollegen einig: „Ärzte sollten sportliches Training mittlerer Intensität in einer Häufigkeit von zwei bis drei Mal pro Woche verschreiben.“

Quellen:

Harrisons Inneren Medizin – Neuauflage erschienen

Zwei Bände, sechs Kilogramm, 476 Kapitel, fast 4000 Seiten im Großformat – Das ist für mich derzeit das Non-Plus-Ultra unter den Standardwerken der Medizin. Bestellt hatte ich Harrison´s Principles of Internal Medicine vorab bereits im April via Amazon, und dabei von dem garantierten Niedrigstpreis profitiert. Nu ja, so niedrig war er dann auch wieder nicht: Ich habe € 176 berappt statt der aktuell € 199. Und musste eine dreimalige Verschiebung des Liefertermins erdulden. Aber was tut man nicht alles, um auf dem neuesten Stand zu bleiben und seinen Lesern die zuverlässigsten Infos bieten zu können.

Mein liebstes Medizinbuch: Harrison´s Principles of Internal Medicine in der 20. Auflage.

Anfang Oktober waren die beiden Wälzer dann endlich da, und trotz einiger Schwächen möchte ich sagen: Ja, der ist sein Geld wert, der Harrison. Natürlich sollte man englisch können, aber dann ist die Lektüre streckenweise ein wahres Vergnügen. Sinnvoll strukturiert, übersichtlich und präzise werden sowohl die wissenschaftlichen als auch die „handwerklichen“ Aspekte der Inneren Medizin erläutert. Beschrieben werden die neusten Erkenntnisse zu Krankheitsmechanismen, aktualisierte Studienergebnisse und (amerikanische) Leitlinien. Hinzu gekommen sind neue, zeitgemäße Kapitel zur Gesundheitsvorsorge, Verhaltensökonomie – sehr zeitgeistig auch die „Gender-Issues“ – und für mich besonders interessant neue Technologien und Forschungsgebiete wie die Epigenetik, Mikrobiomik, personalisierte Medizin, Neuro-Therapien und Medizinische Informatik.

Unter den gedruckten Werken ist „Der Harrison“ nun wieder in punkto Aktualität ganz vorne. Es ist die 20. Ausgabe, und es hat sich einiges getan seit dem Vorläufer, der 2015 publiziert wurde. So wurden Kapitel, die zuletzt nur noch in einer Online-Version verfügbar waren, wieder ins Buch geholt, ebenso die weiterführenden Literaturangaben. Der Harrison in der 20. Auflage hätte das perfekte Medizin-Lehrbuch und -Nachschlagewerk für mich sein können, ABER: Die absolut sinnvolle Ergänzung durch eine ständig aktualisierte Online-Version ist nicht im stolzen Kaufpreis enthalten. Bei accessmedicine.com lässt man sich dies mit $ 299 vergolden – pro Jahr! Das ist mir entschieden zu viel, und so muss ich weiter mit der Unsicherheit leben, ob ich tatsächlich die neuesten praxisrelevanten Informationen auf der Hand habe. Und natürlich wächst diese Unsicherheit angesichts der rapiden Fortschritte in der Medizin von Tag zu Tag. Aus einer Rezension bei Amazon.com entnehme ich z.B., dass die im Oktober 2017 verabschiedete, heiß diskutierte neue US-Leitlinie zum Bluthochdruck in der Printausgabe noch nicht angekommen ist.

Nun ja. Medizinjournalisten wie ich sollten ja ohnehin alles neu recherchieren – schließlich besteht unser Job nicht darin, aus Lehrbüchern abzuschreiben. Aber eine solide Grundlage ist halt doch unverzichtbar. Und weil die medizinische Praxis nicht überall gleich ist, steht bei mir neben der englischsprachigen Mutter-Ausgabe auch noch die deutsche Variante „Harrisons Innere Medizin„, in der 19. Auflage (wann die Nr. 20 komt, habe ich nicht herausgefunden). Die gibt es zum Glück in einer sehr ordentlichen Softcover-Version in 4 Bänden für vergleichsweise bescheidene € 140. Oder in luxuriös als gebundene Ausgabe, dann allerdings nah ´dran an der € 300-Grenze.

Mir gefällt an meiner Softcover-Ausgabe das große Format und das angenehme Schriftbild, was das Lesen per se angenehmer macht als im US-Original. Die Übersetzung ist für meinen Geschmack manchmal etwas holprig geraten, aber es gibt – und das ist eigentlich das beste Argument für den Kauf der deutschen Ausgabe – jeweils einen oder mehrere hiesige Fachleute, die die einzelnen Kapitel überprüft und mit den relevanten deutschen Zahlen, Leitlinien und Literaturverweisen ergänzt haben. Die sind dann auch noch grau unterlegt, sodass man die deutschen Besonderheiten auf den ersten Blick erkennt. Also Daumen hoch: das ist wirklich gelungen.

Und schließlich habe ich noch einen Tipp für die Kollegen, die nicht ganz so viel ausgeben wollen, um Up-to-Date zu sein: Soeben ist der „Herold Innere Medizin 2019“ erschienen. Der wird jedes Jahr aktualisiert, bringt es mittlerweile auch schon auf fast 1000 eng bedruckte Seiten ohne Schnick-Schnack und darf trotz (oder wegen?) seines ultrakonzentrierten Schreibstils ebenfalls als Standardwerk der Inneren Medizin gelten.

Länger leben

Hören Sie auf zu jammern, es wird nicht alles immer schlechter. Dies gilt zwar nicht für die Politik, dafür aber umso mehr für die Medizin. Heute erreichen mich die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur Entwicklung der Lebenserwartung in Deutschland. Und die geht, wie schon seit mehr als 100 Jahren, immer weiter nach oben.

Setzt sich der Trend zu einem immer längeren Leben fort, dann könnten 2017 geborene Jungen durchschnittlich bis zu 90 Jahre, Mädchen bis zu 93 Jahre alt werden… Vor 100 Jahren geborene Jungen und Mädchen hatten im Durchschnitt lediglich eine Lebenserwartung von 55 beziehungsweise 62 Jahren.

Dies entnehme ich einer Pressemitteilung des Amtes vom 23.6.2017. Ein weiterer Vergleich verdeutlicht die positive Entwicklung: Das „Rentenalter“, also 65 Jahre, erreichten nur etwa 54 % der Männer und 65 % der Frauen, die 1917 geboren wurden.

Von den 2017 Geborenen könnten dagegen bis zu 95 % der Jungen und 97 % der Mädchen dieses Alter erreichen. Das Alter von 90 Jahren würden dann immer noch rund 62 % der Männer und 73 % der Frauen erleben. Eine Chance 100 Jahre alt zu werden, hätten bis zu 16 % der 2017 geborenen Jungen und bis zu 22 % der heute geborenen Mädchen.

Der Trend zu einem immer längeren Leben sei eng mit weiteren Fortschritten in der Medizin, mit gesünderen Lebensstilen und einem steigenden Wohlstand der Bevölkerung verknüpft, stellen die Statistiker klar. Falls es aber Kriege, Umwelt- oder Wirtschaftskatastrophen geben sollte, wäre die erfreuliche Entwicklung gefährdet. Außerdem weisen die Mitarbeiter des Amtes darauf hin, dass es sich bei den vorgelegten Zahlen um Modellrechnungen handelt. Ermittelt wurde die sogenannte Kohortensterberate, bei der man versucht, Datenlücken mit Schätzungen auszugleichen. Genauer sind zwar die Periodensterbetafeln, die auf der Zahl der Verstorbenen beruhen, doch erlauben diese Daten nur eine Momentaufnahme der gegenwärtigen Verhältnisse, erklären die Statistiker.

Wer nun neugierig geworden ist und beispielsweise die Lebenserwartung für seinen Geburtsjahrgang nachschlagen möchte, oder auch Genaueres zu den Berechnungen, der kann die komplette Veröffentlichung kostenlos herunterladen:

Statistisches Bundesamt, 2017: Kohortensterbetafeln für Deutschland / Methoden- und Ergebnisbericht zu den Modellrechnungen für Sterbetafeln der Geburtsjahrgänge 1871 – 2017LINK-NAME

Suchen auf PubMed

Mit 27 Millionen Einträgen ist PubMed die größte, frei zugängliche Literaturdatenbank für die Biomedizin. Sie wird von den US-Nationalen Gesundheitsinstituten finanziert, ist deshalb natürlich englischsprachig, erfasst 5633 Zeitschriften (Stand 2016) und wächst jährlich um ca. 500.000 Einträge. Es folgt eine kleine Anleitung mit Beispielen, wie man aus dieser Flut von Informationen neue Fachpublikationen anhand von Titel, Autor, Stichwort oder Fachgebiet, findet. Natürlich gibt es dafür bereits eine ausführliche Hilfe-Funktion bei PubMed, und sogar Tutorials auf YouTube. Aber vielleicht führt Euch meine Variante ja noch etwas schneller zum Ziel…

Wir beginnen auf der Startseite https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed, wo man natürlich in das Suchfeld seine Begriffe einfach hineinschreiben und auf das Beste hoffen kann.

Das funktioniert schon mal ganz gut, wenn man den exakten Titel der Publikation kennt, oder wenn der Autor einen sehr ausgefallenen Namen hat. Einer meiner Texte für Nature Medicine z.B. hatte den Titel „New Rules for Lazy Professors“ und in der ganzen Datenbank gibt es nur einen einzigen Eintrag mit exakt diesem Titel:

Über den „Full text link“ kann dieser Text nun aufgerufen werden. Fertig.

Schon für die Suche nach Autoren empfiehlt sich die fortgeschrittene Suche. Dazu unter dem Eingabefeld „Advanced“ klicken, auf der folgenden Seite das Feld „Author“ auswählen und erst den Nachnamen eingeben, dann die Initialen. Das sähe bei mir folgendermaßen aus:

Durch die Kombination mit AND kann man weitere Autoren nach dem gleichen Muster eingeben, oder – je nachdem, welches Feld man wählt – auch ein Wort, das z.B. im Titel der Arbeit vorkommt. Bleiben wir bei obigem Beispiel, so finden wir 55 Artikel, sortiert nach dem Erscheinungsdatum. Von denen sind aber nur zehn von mir – ein Problem, das jeder haben dürfte, der nicht gerade einen höchst exklusiven Namen sucht. In solchen Fällen kann es helfen, den Zeitraum für das Suchergebnis einzuschränken. Und das geht so:

Häufiger als nach Autoren und einem mehr oder weniger bekannten Titel werden die meisten wohl nach einem bestimmten Thema oder Stichwort suchen. Hier kommen die sogenannten MeSH-Terms ins Spiel. Das sind Schlagwörter, die hierarchisch gegliedert sind, und von denen es ca. 25000 gibt. Mehrere Seiten helfen, die besten MeSH-Terms für eine Suche zu finden. Ich empfehle den MeSH-Browser des NIH in der Bäumchenansicht, oder für Fortgeschrittene diese Suchmaske, die zu einem bestimmten Begriff die Kategorie und die Hierarchie aufzeigt.

Zugegeben, dies sieht ziemlich kompliziert aus. Deshalb an dieser Stelle lieber ein Beispiel: Für einen Kunden soll ich über neue klinische Studien zu Lungenkrankheiten berichten, Krebserkrankungen werden aber bereits von einem anderen Kollegen abgedeckt. Dazu nutze ich den Suchbegriff (Respiratory Tract Diseases NOT Neoplasms AND Clinical Trial[ptyp]).

Wie komme ich darauf? Nun, den ersten Teil der Formel habe ich aus dem MeSH-Browser gezogen, und zwar unter „Diseases“ -> „Respiratory Tract Diseases“. Die Krebserkrankungen, zu denen ich keine Publikationen sehen will, stehen unter „Neoplasms“ und dieser zweite Teil der Formel bekommt deshalb ein NOT vorangestellt.

Mit dieser Formel erhalte ich in der PubMed-Suchmaske fast 900.000 Treffer, kann jedoch auf der linken Seite jede Menge Filter aktivieren – unter anderem nach Zeitraum, Verfügbarkeit des Textes (freier Volltext, Volltext oder nur Abstract) und Publikationstyp. Bei Letzterem klicke ich auf „Clinical trials“ – und habe endlich, was ich will.

Als Sahnehäubchen obendrauf bietet PubMed auch noch die Benachrichtigung per E-Mail an, wann immer neue Artikel mit den angegebenen Suchkriterien erscheinen. Man erreicht diesen tollen Service durch anklicken von „Create alert“ unter dem Suchfenster. Die Auswahlmöglichenkeiten hier sind eigentlich selbsterklärend und der Dienst setzt eine Anmeldung beim NCBI voraus, die jedoch kostenlos ist und innerhalb von Minuten bestätigt wird.

Wirksam, aber nicht verfügbar: Selumetinib gegen Neurofibrome

Eine seltene Erbkrankheit, die bei Kindern Nerventumore verursacht, kann offenbar mit dem Wirkstoff Selumetinib erfolgreich bekämpft werden, zeigt eine kleine Studie mit 24 Teilnehmern. Das als Neurofibromatose Typ 1 (NF1) bekannte Leiden verursacht häufig Geschulste, die nicht operiert werden können. Diese inoperablen plexiformen Neurofibrome wurden jedoch bei allen 24 Kindern in der Studie gebremst, und bei 17 von ihnen schrumpften sie sogar um 20 bis 50 Prozent.

Dr. Widemann vom US-Krebsforschungszentrum NCI leitet mehrere Studien zum Neurofibrom (Foto: NCI)

Den größten Erfolg erzielten die Wissenschaftler um Dr. Brigitte C. Widemann, Leiterin des Pediatric Oncology Branch am National Cancer Institute der USA bei einem Mädchen, das wegen sehr großer Neurofibrome an Hüfte und Unterleib ständig unter Schmerzen litt und an den Rollstuhl gefesselt war. Durch die Behandlung verringerte sich die Tumormasse fast um die Hälfte; sie musste auch keine Schmerzmedikamente mehr einnehmen und war wieder in der Lage, längere Strecken zu laufen. Wie der Webseite von Widemann zu entnehmen ist, sind nun gleich mehrere Folgestudien geplant, die den Nutzen von Selumetinib bei Kindern wie auch Erwachsenen beweisen sollen.

Die auch nach ihrem Entdecker Morbus Recklinghausen benannte Krankheit betrifft etwa jedes 3000ste Neugeborene, davon entwickeln ein Fünftel bis zur Hälfte die hier behandelten plexiformen Neurofibrome. Sie können, je nach Lage, zu Schmerzen und Entstellungen führen, zu Blindheit, geschwächten Gliedmaßen, oder auch zu Darm- und Blasenschwäche. Vielen kann durch eine Operationen geholfen werden, bei einem Viertel ist dies allerdings nicht möglich.

Prof. Victor-Felix Mautner, Leiter der Neurofibromatose-Ambulanz am Universitätsklinikum Eppendorf sprach von einer „bedeutsamen Arbeit“ für Menschen, die durch NF-1 entstellt werden. Trotz dieses Erfolges wird Selumetinib aber in Deutschland wohl auf längere Zeit nicht verfügbar sein. Die Firma AstraZeneca, die den Wirkstoff ursprünglich gegen Lungenkrebs entwickeln wollte, ist damit nämlich in einer großen Studie gescheitert. Die Folge ist, dass Selumetinib von den Behörden für die Behandlung nicht zugelassen wurde, und auch nicht für „individuelle Heilversuche“ zur Verfügung steht. „Und dies wird auch nicht so schnell passieren“, befürchtet Mautner.

(eine ausführliche Fachversion dieser Nachricht ist erschienen am 6. Januar 2017 bei Medscape)

Quelle:

Dombi E, et al.: Activity of Selumetinib in Neurofibromatosis Type 1-Related Plexiform Neurofibromas. N Engl J Med. 2016 Dec 29;375(26):2550-2560. doi: 10.1056/NEJMoa1605943.

Impfung schützt vor Ebola-Virus

Schon im kommenden Jahr könnte ein hochwirksamer Impfstoff gegen das gefürchtete Ebola-Virus in den besonders gefährdeten Ländern Afrikas zur Verfügung stehen. Grund für diesen Optimismus ist der Ausgang mehrerer Studien mit fast 6000 Menschen, die vorwiegend in Guinea in direkten oder indirekten Kontakt mit Ebola-Infizierten Personen gekommen waren, und die den neuen Impfstoff „rVSV-ZEBOV“ bekommen hatten.

In der Fachzeitschrift The Lancet berichten Forscher um die WHO-Angestellte Dr. Ana Maria Henao-Restrepo über Einzelheiten: Demnach wurden die Teilnehmer der Studie nach dem Losverfahren entweder sofort geimpft, oder mit einer Verzögerung von drei Wochen. In der ersten Gruppe waren nach zehn Tagen keine Viren mehr festzustellen, in der zweiten Gruppe erkrankten dagegen 23 Menschen an der Seuche. Knapp drei Monate lang schauten die Forscher auch nach möglichen Nebenwirkungen von rVSV-ZEBOV. Dabei kam es zu einem Fall von extrem hohem Fieber und einer Überempfindlichkeitsreaktion, die beide glimpflich ausgingen. Ansonsten traten lediglich milde Nebenwirkungen auf Kopfweh, Müdigkeit und Muskelschmerzen.

„Beim nächsten Mal gewappnet“ – WHO-Direktorin Kieny (Foto: WHO)

Der Impfstoff, der auf einem gentechnisch veränderten Virus (VSV) basiert, war zuvor an Affen getestet worden, wo er Neuinfektionen zu 100 Prozent verhindern konnte. Bei bereits infizierten Tieren verhinderte rVSV-ZEBOV den Ausbruch der Krankheit immerhin in jedem zweiten Fall. rVSV-ZEBOV wirkt möglicherweise nicht gegen alle Stämme des Ebola-Virus gleich gut. Besonders effektiv verhindert der Impfstoff aber den Ausbruch der Zaire-Variante von Ebola, die mit einer Sterblichkeit von bis zu 90 Prozent zu den tödlichsten Infektionskrankheiten überhaupt zählt.

Die Globale Impfallianz GAVI hat fünf Millionen Dollar zugesagt, um einen Vorrat von 300.000 Dosen des Impfstoffes anzulegen. „Wenn die nächste Epidemie kommt, werden wir gewappnet sein“, sagt die Studienleiterin Dr. Marie-Paule Kieny, Stellvertretende Generaldirektorin für Gesundheitssystem und Innovation der WHO in Genf.

(eine ausführliche Fachversion dieser Nachricht ist erschienen am 4. Januar 2017 bei Medscape)

Quellen: