Via Seidenstraße und per Luftkurier

(Januar 2004) Der Mann scheint wie gefangen in einem immerwährenden „Katz und Maus“-Spiel. Seit Jahren verfolgt Carl-Ernst Brisach im Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA) die Wege, auf denen illegale Drogen nach Deutschland gelangen. Die Daten, die beim Gruppenleiter des Bereichs Auswertung Rauschgiftkriminalität zusammen laufen, spiegeln ein hochkomplexes Geschehen wider: Angebot und Nachfrage, Fahndungserfolge im In- und Ausland, politische Ereignisse von Kolumbien bis Afghanistan, internationale Abkommen, ständig wechselnde Verkehrsverbindungen und Einreisebestimmungen – alles ist im Fluss. Gewiss scheint nur, dass jede Veränderung und jede Aktion eine Gegen-Reaktion von Drogenproduzenten und Drogenhändlern hervorruft. Kaum ist ein Schlupfloch gestopft, tut sich schon wieder das nächste auf.

„Um die Drogenflut einzudämmen, ist eine möglichst genaue Kenntnis der Handelswege erforderlich“, erklärt Brisach am Beispiel Heroin. Das für Europa bestimmte Heroin stammt zu zirka 90 Prozent aus Afghanistan sowie dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Noch vor zehn Jahren gelangte es fast ausschließlich über die so genannte Balkanroute nach Deutschland. Als Zwischenstationen, so zeigen die Funde der nationalen und internationalen Fahnder, dienten vornehmlich der Iran und die Türkei, daneben Italien, Österreich und Griechenland, aber auch die Niederlande sowie in letzter Zeit verstärkt Albanien. Vergleichsweise wenig Rauschgift wurde dagegen in Bulgarien sichergestellt, obwohl der Balkanstaat aufgrund seiner geographischen Lage als Haupttransitland für den Heroinschmuggel zwischen der Türkei und Westeuropa gilt. Als jedoch Großbritannien die Ausbildung und Ausstattung bulgarischer Zöllner förderte und zudem am türkisch-bulgarischen Grenzkontrollpunkt „Kapitan Andreewo“ eine Röntgenanlage installiert wurde, änderte sich die Situation schlagartig: Im Jahr 2000 beschlagnahmten die Behörden die Rekordmenge von über zwei Tonnen Heroin, gegenüber nur 280 Kilogramm im Jahr vorher.

Besonders hart ging man an einem anderen Abschnitt der Balkanroute gegen die Schmuggler vor: Im Iran wird schon der Besitz von 30 Gramm Heroin mit der Todesstrafe geahndet. Allein im Jahr 2000 starben dort 142 Polizeibeamte bei Schießereien mit schwer bewaffneten Drogenbanden. Der Nachschub ist trotzdem nicht versiegt. Statt dessen läuft der Verkehr nun verstärkt über die zentralasiatischen Staaten Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan, Kirgisistan und Kasachstan, auf der so genannten Seidenroute via Russland, Polen und s ogar Skandinavien nach Westeuropa. Der Zusammenbruch des Sowjetreiches begünstigt den Kompetenzstreit zwischen den Behörden und die Korruption, gleichzeitig gibt es nur wenige Grenzkontrollen und relativ gute Verkehrswege. „Beste Voraussetzungen also für die Schmuggler“, seufzt Brisach.

Die Regel, dass Drogen den Weg des geringsten Widerstandes nehmen, gilt auch für Kokain. Es stammt zum größten Teil aus Kolumbien, wo sich die Anbauflächen seit zehn Jahren immer weiter ausdehnen. Ebenfalls bedeutsam als Produzenten sind die Andenstaaten Peru und Bolivien und als Transitländer in Richtung Europa Venezuela, die Karibik, Brasilien und Ecuador. Größere Mengen Kokain gelangen - versteckt beispielsweise in Thunfischen oder Plastikbananen - auf dem Seeweg zum Containerhafen Rotterdam, oder sie werden vor der Küste Galiziens im Nordwesten Spaniens auf Schnellboote verladen. Einfache Luftpostsendungen mit fingierten Absendern sind ebenfalls beliebt. Eine klassische Schmuggelmethode bedient sich der so genannten Mulas – das sind Menschen, die Rauschgift am oder im Körper durch die Zollkontrollen tragen. Auch hier reagieren die Hintermänner äußerst flexibel auf jedes Hindernis. Sie rekrutieren ihre Kuriere je nach Bedarf in verschiedenen Ländern und stellen sich schnell auf geänderte Einreisebedingungen, Flugpläne und Kontrollpunkte ein. So ging die Zahl der enttarnten Drogenkuriere aus Kolumbien stark zurück, als 2001 im Schengen-Gebiet eine Visumspflicht für Angehörige dieses Landes eingeführt wurde. Dafür gingen den Behörden nur wenige Monate später binnen einer Woche 70 westafrikanische „Schlucker“ ins Netz, die in ihren Mägen Kokain von den Niederländischen Antillen zum Flughafen Schiphol/Amsterdam brachten. In den folgenden Tagen blieben auf der gleichen Flugroute auffallend viele Plätze unbesetzt, vermutlich weil die Festnahmen binnen kürzester Zeit in der Karibik bekannt geworden waren.

Eine besondere Herausforderung für die polizeilichen Drogenexperten sind die synthetischen Drogen. Amphetamin, Metamphetamin und deren Derivate – in Pillenform als Ecstasy bezeichnet – lassen sich in kleinen, sogar mobilen Laboratorien herstellen. Die Produktion ist also unabhängig von bestimmten Anbaugebieten. Die Drogen werden nah am Konsumenten hergestellt; entsprechend kurz sind die Transportwege und klein das Risiko, entdeckt zu werden. Hinzu kommt, dass durch das Schengen-Abkommen und andere Vereinbarungen zur Erleichterung des Grenzverkehrs eine Art westeuropäischer Handelsraum geschaffen wurde, innerhalb dessen kaum mehr Kontrollen stattfinden. „Da macht es kaum noch Sinn, den deutschen Markt als Einheit zu erfassen“, sagt BKA-Experte Brisach.

Wichtigste Produktionsstätte für synthetische Drogen sind die Niederlande. Über 90 Prozent der 2001 sichergestellten Ecstasy-Tabletten stammen von dort. Im gleichen Jahr wurden jedoch auch mehrere „Filialen“ im deutschen Raum ausgehoben, beispielsweise in Hoppegarten (Land Brandenburg) und im nordrhein-westfälischen Wallfahrtsort Kevelaer. In beiden Fällen konnten Niederländer als Hintermänner ermittelt werden, die das Know-how und die Laborausrüstung bereitstellten. Deutsche Staatsangehörige waren auf der mittleren Ebene tätig, mieteten Gebäude an, besorgten die Ausgangsstoffe für die Drogensynthese und kümmerten sich um den Vertrieb. Wie manch ein großer Konzern versuchen auch die niederländischen Drogenproduzenten dem wachsenden Druck im eigenen Land durch diese Form der Internationalisierung zu entgehen und weichen auf Nachbarstaaten wie Belgien, aber auch Deutschland aus.

[Vorlage für die Broschüre “Suchtforschung auf neuen Wegen” des Bundesministerium für Bildung und Forschung]

letzte Änderung dieser Seite am Montag, 20. Juli 2009