Länger leben mit Mantelzell-Lymphom

Die Überlebenszeit von Patienten, die an einem Mantelzell-Lymphom erkranken, hat sich in den vergangenen 30 Jahren annähernd verdoppelt. Dies ist das Ergebnis einer Auswertung von vier Studien deutscher Ärzte und Wissenschaftler, über die die Fachzeitschrift „Journal of Clinical Oncology“ berichtet. Das Mantelzell-Lymphom (MZL) gehört zu einer Gruppe miteinander verwandter, bösartiger Tumore (Non-Hodgkin-Lymphome), die sich aus einer besonderen Art von weißen Blutkörperchen entwickeln und die sich über den ganzen Körper verbreiten. Jährlich erkranken in Deutschland mehrere Hundert Menschen am MZL, etwa drei Viertel davon sind Männer.

Im Mittel sind die Patienten bei Ausbruch der Krankheit zwischen 65 und 70 Jahre alt. Weil das MZL in der Regel rasch voran schreitet, wird es häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium festgestellt. Durch eine Behandlung lässt es sich dann zwar meist zurückdrängen, bisher aber nicht dauerhaft heilen.

Die Situation der Betroffenen hat sich jedoch in den vergangen 30 Jahren erheblich gebessert, wie der Vergleich der Krankenakten von mehreren hundert Patienten belegt, die in den Zeiträumen von 1975 bis 1986 sowie von 1996 bis 2004 an deutschen Kliniken behandelt wurden. Fast die Hälfte der Patienten (47 Prozent), die um die Jahrtausendwende an zwei großen Studien teilgenommen hatten, waren fünf Jahre nach der Diagnose noch am Leben. Dagegen hatten unter den Patienten, die zwanzig Jahre zuvor behandelt worden waren, nur 22 Prozent die Krankheit um mindestens fünf Jahre überlebt.

Für diese gute Nachricht gibt es viele mögliche Erklärungen: So ist man bei der Chemotherapie, die beim MZL routinemäßig zum Einsatz kommt, im Laufe der Jahre dazu übergegangen, zusätzlich bestimmte Wirkstoffe aus der Gruppe der Anthrazykline zu verabreichen. Neu hinzugekommen ist auch der Antikörper Rituximab, den heutzutage die meisten Patienten mit MZL bekommen, sowie in manchen Fällen auch eine Stammzelltransplantation. Mit den neuen Möglichkeiten behandeln Ärzte das MZL heute also früher, aggressiver und energischer als in den 1970er Jahren und dieser Unterschied könnte durchaus zur verlängerten Lebenserwartung der Patienten beitragen.

Generell hat sich die medizinische Versorgung von Krebspatienten in den vergangenen 30 Jahren verbessert, geben die Wissenschaftler in ihrer Veröffentlichung zu bedenken. Es gibt weniger Infektionen und dank neuer Medikamente werden die Nebenwirkungen der Chemotherapie besser vertragen. Dies erlaube es einem größeren Anteil der Patienten, die Behandlung wie geplant abzuschließen und das MZL könne so womöglich länger in Schach gehalten werden. Außer bei der Therapie gebe es auch Fortschritte bei den Techniken und Geräten, die es erlauben, das Stadium und den Verlauf der Krankheit genauer zu bestimmen.

Bedacht werden muss aber auch, dass sich die Lebenserwartung der Deutschen im Verlauf der letzten Jahrzehnte deutlich verlängert hat. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wuchs sie während des Beobachtungszeitraumes für 65-jährige Männer um 2,7 Jahre und für Frauen um 3,0 Jahre. In der Studie aber hatte die durchschnittliche Überlebenszeit in ganz ähnlicher Weise zugenommen, nämlich von 2,7 auf 4,8 Jahre. Hat die beobachtete Verbesserung für Patienten mit MZL demnach gar nichts mit den neuen Therapien zu tun?

Diese Erklärung halten die Wissenschaftler für unwahrscheinlich. Bei anderen aggressiven Erkrankungen mit schlechter Prognose wie dem Lungenkrebs habe es nämlich im Gegensatz zum MZL in den vergangenen Jahrzehnten keine Verbesserung der Überlebensdauer gegeben. „Die Verdoppelung der 5-Jahres-Überlebensraten bildet deshalb wahrscheinlich die bedeutende Verbesserung der Behandlung in den letzten 30 Jahren ab“, schreiben die Krebsforscher in ihrer Veröffentlichung.

Dem stimmen auch einige der weltweit angesehensten Experten zum MZL zu. Im gleichen Heft des Journal of Clinical Oncology kommentieren Peter Martin, Morton Coleman und John P. Leonard die Arbeit ihrer deutschen Kollegen und vermuten, dass die größten Fortschritte beim MZL durch jene neuen Therapien und Wirkstoffe erklärt werden können, die zum Einsatz kommen, wenn die Standardbehandlung nicht mehr anschlägt. Die sei eine „ermutigende Hypothese“, denn sie lege nahe, dass sich die Möglichkeiten verbessern, die Krankheit über längere Zeit zu kontrollieren – und zwar auch nach einem Rückfall.

Sowohl die US-amerikanischen Kommentatoren als auch das 17-köpfige deutsche Team weisen dennoch darauf hin, dass Vorsicht geboten ist, wenn Patienten-Daten miteinander verglichen werden, die zu unterschiedlichen Zeiten in der Vergangenheit gewonnen wurden. In der Zwischenzeit hat sich nämlich nicht nur die Therapie selbst geändert. Mangels besseren Wissens tendierten die Ärzte in den 1970er Jahren noch dazu, das Mantelzell-Lymphom als langsam wachsend (indolent) einzuordnen und vor der Behandlung geraume Zeit zu beobachten. Erst in den 1980er Jahren änderte sich diese Einschätzung. Man ordnete das MZL nun den aggressiven Lymphomen zu und begann mit der Therapie möglichst unmittelbar nach der Diagnose. Dadurch wird dieser Krebs nun früher bekämpft, wodurch sich die Erfolgsaussichten verbessert haben.

Eine wichtige Frage, die in der deutschen Studie nicht gestellt wurde, betrifft die Lebensqualität der Patienten. Martin, Coleman und Leonard zweifeln nicht daran, dass es mit den neuen Möglichkeiten gelingen kann, das MZL länger in Schach zu halten. Aber sie fragen, ob dieser Zeitgewinn durch die Giftigkeit einer aggressiveren Therapie nicht wieder zunichte gemacht wird. Hier könne es keine allgemeingültige Antwort geben, sagen sie, und verweisen darauf, dass die Krankheit ja von Fall zu Fall sehr unterschiedlich verläuft, dass die Nebenwirkungen und Einschränkungen durch die Therapie verschieden gut verkraftet werden und dass dabei natürlich auch die Vorlieben der Patienten eine Rolle spielen.

Trotz aller Einschränkungen loben die Kommentatoren die Arbeit der deutschen Wissenschaftler: Die vorgelegten Daten „sind besonders wichtig, weil sie zeigen, dass die Forschungsanstrengungen sich lohnen und dass es Patienten mit einem Mantelzell-Lymphom Dank der neuen Ansätze besser gehen kann.“

Mit dem Erreichten werden sich die beteiligten Ärzte indes nicht zufrieden geben. In neuen Studien prüfen sie bereits wirkungsverstärkte Antikörper, welche die Krebszellen sehr gezielt bestrahlen sollen (Radioimmuntherapie) und auch eine neue Klasse von Wirkstoffen, die Proteasom-Inhibitoren, befindet sich mittlerweile gegen das Mantelzell-Lymphom auf dem Prüfstand.

Nachtrag vom 3. August 2009: Laut einer Pressemitteilung der Firma Wyeth wird es voraussichtlich bald ein neues Medikament zur Behandlung von Patienten mit Mantellzell-Lymphom geben. Lesen Sie dazu diese Kurzmeldung.

Weitere Informationen:

MSimm
Journalist für Medizin & Wissenschaft

4 Kommentare

  1. Ein sehr, sehr gutes Komprimat an Informationen rund um das Mantelzell-Lymphom und zu aktuellen Therapie-Standards bezogen auf diese Entität aus der Familie der Non-Hodgkin-Lymphome. Übersichtlichkeit und Informationsgehalt sind aufgrund der Kürze des Artikels bemerkenswert, herausragend. Und die angebotenen, weiterführenden Links rund um diese Erkrankung und die Behandlung betrachte ich als wertvoll – weil gelungen. Insgesamt ein sehr nutzbringender Artikel – sicher nicht nur für Betroffene… .Danke für Recherche und Aufarbeitung.

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