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12 | 05 | 2011
Fundstücke: Das war der April 2011
Geschrieben von MSimm um 20:11 Uhr
Alle zu viele Fundstücke gab es im April nicht zu vermelden, und ohnehin erregt mich diesmal ein ganz anderes Thema: Zum 25. Jahrestag des Reaktorunfalls von Tschernobyl und vor dem Hintergrund der Unglücks in Fukushima kursieren jede Menge Zahlen über die Folgen. So kann sich jeder heraussuchen, was zur eigenen Meinung passt. Die dpa nennt zum Beispiel in einem ziemlich widersprüchlichen Artikel zwischen 10000 und 100000 Tote als Folge des GAU in Tschernobyl. Wenige Tage zuvor haben jedoch Experten in der Medizinischen Fachzeitschrift New England Journal of Medicine eine ganz andere Rechnung aufgemacht. Mir sträuben sich jedenfalls die Haare, wenn die menschenverachtenden und hilflosen Rettungsversuche in der ehemaligen Sowjetunion gleichgesetzt werden mit dem Verhalten der japanischen Regierung.

Eine allzu einfache Antwort die schwierige Frage, woher die Energie denn kommen soll (aus meinem Fotoalbum 1977)
Als einer, der bereits in den 1970er Jahren gegen die Atomkraft demonstriert hat erlaube ich mir den Hinweis, dass 1. keiner die Anzahl der Todesopfer als Folge der globalen Erwärmung (sprich: Auto fahren, in Urlaub fliegen, am Kamin sitzen und anderer täglicher Aktivitäten) auch nur abschätzen kann und dass 2. alle ca. 28000 Toten in Japan Folgen des Erdbebens und des Tsunamis waren und dass 3. dort (bislang) noch kein einziger Mensch wegen der erhöhten Radioaktivität gestorben ist und lediglich zwei Arbeiter bei Reparaturversuchen nachweislich erkrankt sind.
Was ich damit sagen will? Mich nerven all die Klugsch……, die glauben, sie hätten eine risikolose Patentlösung, um unsere Energieversorgung sicher zu stellen. Kohle, Öl und auch Gas verschmutzen die Umwelt und treiben die globale Erwärmung an. Wasserkraft bedeutet Staudämme. Und von denen sind schon so viele gebrochen, dass die Zahl der Toten die Opfer der Kernkraft bei weitem übertrifft. Trotzdem ruft bei uns keiner nach einer Ethikkommission zur Wasserkraft. Dass Sonnenlicht und Wind kostenlos sind stimmt natürlich – nur richten die sich nicht nach unserem Strombedarf. Und die Behauptung Solarstrom und Windstrom seien kostenlos, risikolos und ohne Nachteile scheint mir ebenso dumm wie der Diskussionsbeitrag: “Der Strom kommt aus der Steckdose .”
Genug davon. Schließlich wollte ich doch noch ein paar weitere Dinge erwähnen, die zumindest aus wissenschaftlicher Sicht im April bemerkenswert waren:
- Zeig mir Deine Darmbakterien und ich sage Dir, wer Du bist? Ziemlich überraschend kommt die Entdeckung, dass alle Menschen sich anhand ihrer Darmflora in nur drei Gruppen einteilen lassen. Diese drei so genannten Enterotypen werden jeweils von unterschiedlichen Bakteriengruppen geprägt: Bacteroides, Prevotella oder Ruminococcus. Offenbar wirken sich diese Typen sowohl auf die Vitaminversorgung aus, als auch auf das Körpergewicht. Hier geht es direkt zur Studie, auf deutsch gibt es auch eine Pressemitteilung des Europäischen Laboratoriums für Molekularbiologie (EMBL) in Heidelberg.
- Schwedische Studie zum Herzinfarkt: Neue Richtlinien befolgt – 30-Tage-Sterblichkeit halbiert.
- Tai Chi bessert Lebensqualität, aber nicht Überlebenschancen bei anhaltender Herzschwäche (engl. Pressemitteilung). Und Yoga verringerte in einer Studie die Häufigkeit von Herzrhytmusstörungen – genauer von vorübergehendem Vorhofflimmern (Pressemitteilung dazu).
- Und nochmal Herzinfarkt: Die Infusion von Stammzellen aus dem Knochenmark von Patienten in das Infarktgefäß, nachdem diese einen Stent zur Aufdehnung der Koronararterien erhalten hatten, brachte keinen zusätzlichen Nutzen, berichten Fachleute auf der 77. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie in Mannheim (knappe Pressemitteilung).
06 | 04 | 2011
Fundstücke: Das war der März 2011
Geschrieben von MSimm um 8:32 Uhr
Als gelernter Molekularbiologe und großer Fan der Neurowissenschaften war das Highlight des Monats zweifellos die Titisee-Konferenz über Neurale Schaltkreise des Boehringer Ingelheim Fonds, Stiftung für Medizinische Grundlagenforschung. Für deren Magazin “Futura” durfte ich eine Art Vorbericht schreiben, der ins englische übersetzt wurde, dessen drei Teile ich hier bei Simmformation.de aber im deutschen Original zugänglich gemacht habe (siehe die Artikel “Gene? Neurone? Licht? …und Action!“, “Optogenetik – Ein Kochrezept” und “Vom Labor zum Patienten“). Erschienen ist jetzt auch das Buch “Das Neueste aus der Medizin 2011 / 2012″, zu dem ich die Kapitel “Augen und Ohren”, “Atmungssystem” sowie “Haut, Haare und Nägel” beitragen durfte. Und in Madrid war ich beim Start der Kampagne “1Mission, 1 Million” dabei, die auf das Vorhoffflimmern als einen bislang noch zu wenig beachteten Risikofaktor für den Schlaganfall aufmerksam machen will. Im Deutschen heißt die Kampagne “Herzenssache Schlaganfall” und auf der zugehörigen Webseite, kann jeder für die besten Präventionsideen abstimmen (Bericht folgt). Da ich nebenher auch noch an diversen eigenen und fremden Webseiten gebastelt habe, bin ich wieder einmal froh über die Rubrik “Fundstücke des Monats”, denn so kann ich wenigstens einige der bemerkenswerten Nachrichten auflisten, die selbst ausführlich darzustellen mir nicht möglich war:
- Bessere Chancen bei Hepatitis C: Gegen das mit dem Blut übertragene Hepatitits-C-Virus (HCV) steht voraussichtlich bald ein neuer Wirkstoff zur Verfügung. Boceprevir könnte vor allem jenen Patienten zugute kommen, bei denen die Standardbehandlung mit pegyliertem Interferon und Ribavirin nicht ausreicht, um HCV auf Dauer zu unterdrücken. Details zu der Studie, mit der diese Hoffnung bestätigt wird, sind soeben im New England Journal of Medicine erschienen. Trotz einiger Nebenwirkungen von Boceprevir war der Kommentator der Zeitschrift sehr beeindruckt und sprach davon, dass nun eine neue Ära der HCV-Therapie beginnt.
- Länger leben mit gelber Farbe: Sehr kleine Mengen des Farbstoffes Thioflavin T verlängern das Leben – jedenfalls für den Fadenwurm Caenorhabditis elegans. Während ohne Thioflavin T in der von Gordon Lithgow (Buck Institute for Research on Aging in Novato, Kalifornien) geleiteten Studie kein einziger Fadenwurm mehr als 20 Tage alt wurde, waren es mit der optimalen Dosis dieser Chemikalie mehr als 80 Prozent. Die Lebenserwartung der Tiere verlängerten die Forscher so ebenfalls um nahezu 80 Prozent. Vermutlich bindet Thioflavin T an bestimmte giftige Eiweiße und markiert diese so für die “Müllabfuhr” der Zellen, berichtet die Nachrichtenredaktion der Zeitschrift Nature, wo auch der Originalartikel erschienen ist. Für Alzheimer-Forscher ist Thioflavin T übrigens schon länger ein nützliches Werkzeug, denn es färbt die Ablagerungen bestimmter Eiweiß-Bruchstücke (Aß), die bei der Entstehung der Krankheit eine maßgebliche Rolle spielen.
- Nach Schlaganfall: Bessere Erholung mit dem Botenstoff Noradrenalin? Diese Vermutung hegt Dr. Christian Grefkes, Leiter der Forschungsgruppe Neuromodulation & Neurorehabilitation am Max-Planck-Institut für neurologische Forschung in Köln. Mit seinen Kollegen hat Grefkes elf Patienten untersucht und festgestellt, dass die Griffkraft der betroffenen Hand sich im Durchschnitt vervierfachte und die Betroffenen außerdem doppelt so schnell mit den Fingern klopfen konnten, nachdem sie das Medikament Reboxetin erhalten hatten, von dem man weiss, dass es die Verweildauer von Noradrenalin im Gehirn erhöht. Zitat Grefkes: „Die Befunde unserer Studie könnten sich als Startpunkt eines neuen, vielversprechenden therapeutischen Ansatzes erweisen, um Störungen in Hirnnetzwerken zu korrigieren und handmotorische Funktionen nach Schlaganfall zu verbessern“. Geplant ist nun die Testung von Reboxetin an einer größeren Patientengruppe über einen Zeitraum von mehreren Wochen, um die Nachhaltigkeit der Verbesserungseffekte zu prüfen. (Originalarbeit: Wang LE et al. Noradrenergic Enhancement Improves Motor Network Connectivity in Stroke Patients. Ann Neurol. 2010 Dec 28).
- Lerntipps aus der Hirnforschung: Medizinstudenten könnten leichter lernen, mehr behalten und dabei auch mehr Spass haben, wenn die Lehre an den Universitäten sich mehr an wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Hirnforschung orientieren würde. Davon ist Michael Friedlander überzeugt und hat deshalb in der Zeitschrift Academic Medicine seine Vorschläge in einem Fachartikel unterbreitet.
28 | 02 | 2011
Fundstücke: Das war der Februar 2011
Geschrieben von MSimm um 12:30 Uhr
Mir hat´s Spaß gemacht, zahlreiche bemerkenswerte Studien und neue Erkenntnisse hinein zu stopfen in einen einzigen Beitrag, die Fundstücke des Monats Januar 2011. Die Rubrik wird deshalb fortgesetzt, wenn auch nur mit einer ziemlich kurzen “Notausgabe” für den zurück liegenden Februar. Sorry Leute, es war einfach zu viel los in meinem Laden.
- Scharfe Sicht mit elektronischer Brille? Zahlreiche Probleme, die Brillenschlangen wie ich derzeit noch mit ihren Spekuliereisen haben, könnten bald der Vergangenheit angehören, verkündet die New York Times in dem Artikel “Have You Charged Your Eyeglasses Today?”. Die neuen Nasenfahrräder Namens emPower sollen etwa 800 bis 1000 Dollar kosten, im Frühjahr auf dem US-Markt eingeführt werden und dann im Rest des Landes. Was die Teile so besonders macht sind eingebaute Flüssigkristalle, die per Fingerdruck auf den Bügel der Brille scharf gestellt werden. Der unscharfe Übergangsbereich, der Alterweitsichtige wie mich selbst mit Gleitsichtgläsern immer wieder ins Stolpern bringt, könnte damit der Vergangenheit angehören, verspricht der Hersteller Pixeloptics. Außerdem wären die selbstregulierenden Teile praktisch, weil man die Brille nicht ständig auf und wieder absetzen muss. Neben dem Preis, der mehr als doppelt so hoch ist wie der für eine hochwertige Gleitsichtbrille, haben die neuen Teile aber noch mindestens einen weiteren Nachteil: Sie müssen wie ein Handy immer wieder aufgeladen werden, damit die Regelung der eingebauten Elektronik funktioniert.
Mehr Gentechnik auf dem Acker: Weltweit 148 Millionen Hektar Fläche sind mit gentechnisch veränderten Pflanzen bebaut, meldet der International Service for the Acquisition of Agri-biotech Applications (IAAA) in einer Pressemitteilung. Das sei ein Zuwachs um 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr, berichtet die Organisation, die durch die Förderung der Biotechnologie Hunger und Armut bekämpfen will (und die als Geldgeber unter anderem die Firmen Monsanto und Bayer nennt). 15,4 Millionen Bauern weltweit nutzen demnach die in Deutschland und der EU umstrittene Technik, über 90 Prozent davon seien Kleinbauern und zählten “zu den ärmsten Menschen der Welt”. Hauptanbaugebiete sind die USA, gefolgt von Brasilien, Argentinien, Indien, Kanada und China. Die beliebtesten “Gen-Pflanzen” sind Soja, Mais, Baumwolle und Raps.- Einfacher Weg zu besserem Gedächtnis: Selten hat jemand einen Artikel so schön eingeleitet, wie die Kollegin Paula Span bei der New York Times. “… memory improved, in older adults by means of a low-tech, low-cost intervention with very few unpleasant side effects: regular walking.” Sie bezieht sich dabei auf eine Forschungsarbeit, die in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht wurde. 120 Erwachsene im sechsten Jahrzehnt ihres Lebens waren dabei nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt worden. Die einen liefen drei Mal die Woche mindestens 40 Minuten im Kreis herum, die anderen bekamen weniger schweisstreibende Dehnübungen wie zum Beispiel Joga. Binnen eines Jahres vergrößerte sich eine für das Gedächtnis essentielle Hirnregion (der Hippocampus) in der ersten Gruppe um durchschnittlich zwei Prozent, in der zweiten Gruppe nahm das Volumen des Hippocampus im Mittel um 1,4 Prozent ab. Beide Gruppen verbesserten sich in einem Test für das räumliche Gedächtnis und das Orientierungsvermögen, doch waren diese Verbesserungen bei den Fußgänger eindeutig größer als bei den Joga-Praktikanten (Originalpublikation hier).
- Meditation verändert das Gehirn, zeigt wieder einmal eine Studie. Die betroffenen Regionen seien beteiligt an Lern- und Gedächtnisprozessen und an der Steuerung von Gefühlen und der Selbstwahrnehmung, berichten Britta Hölzel (derzeit Harvard Medical School) und ihre Kollegen. Im Health-Blog der New York Times fand man das interessant genug, um eine ganze Geschichte daran aufzuhängen.
25 | 02 | 2011
Deutsche Forschungsgemeinschaft schafft sich ab
Geschrieben von MSimm um 17:48 Uhr
Sehr geärgert habe ich mich über eine aktuelle “Stellungsnahme” der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
In vagen Worten und subtilen Andeutungen wird dort über den Betrugsfall Guttenberg gesprochen, ohne jedoch den Namen des Ex-Doktors auch nur auszusprechen, geschweige denn Klartext zu reden. “Wasch´ mich, aber mich nicht naß” pflegte meine Großmutter über derartiges Gemauschel zu urteilen. Damit sich jeder selbst eine Meinung bilden kann, hier das Dokument im Wortlaut:
„Wissenschaft beruht auf Wahrhaftigkeit, Redlichkeit und Vertrauen“
Angesichts der Diskussion um Plagiate in der Wissenschaft und um das Verhältnis der Politik zur Wissenschaft betont die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die elementare Bedeutung von Vertrauen und Wahrhaftigkeit sowie der Regeln guter wissenschaftlicher Praxis für die Forschung.
DFG-Präsident Professor Matthias Kleiner erklärte dazu heute in Bonn:
„Wissenschaft beruht auf den Prinzipien von Wahrhaftigkeit, Redlichkeit und Vertrauen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Deutschland fühlen sich diesen Prinzipien verpflichtet und handeln nach ihnen – nur wenige verletzen sie.
Denn wissenschaftliches Fehlverhalten, ob in Form eines Plagiats oder der Manipulation von Daten und Ergebnissen, ist ein schwerwiegendes Vergehen. Gemessen an der Zahl der Personen und Projekte in der Wissenschaft ist das Ausmaß wissenschaftlichen Fehlverhaltens jedoch äußerst gering. Schon deshalb darf die Wissenschaft und dürfen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht unter einen Generalverdacht gestellt werden.
Forscher teilen ihre Ideen und Erkenntnisse miteinander und führen sie, oft gemeinsam, weiter. Aber sie entwenden sie nicht. Denn geistiges Eigentum ist für die Wissenschaft genauso wertvoll wie materielles. Dies muss noch stärker der Gesellschaft und der Politik bewusst werden und von ihnen geteilt werden, zumal dies zu den Grundwerten einer Gesellschaft gehört, die ihren Wohlstand auf Bildung und Ausbildung, Wissenschaft und Forschung gründet.
Von entscheidender Bedeutung ist auch, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler früh mit den Prinzipien von Wahrhaftigkeit, Redlichkeit und Vertrauen und mit den Standards guter wissenschaftlicher Praxis vertraut gemacht werden, aber auch die scharfen Mechanismen der Selbstkontrolle in der Wissenschaft und der strengen Sanktionierung von Fehlverhalten kennen und diese mittragen. Deshalb ist die intensive Betreuung des wissenschaftlichen Nachwuchses zentral. Dies gelingt besonders gut in verbindlichen Zusammenhängen wie Forschungsprojekten oder -verbünden sowie in Graduiertenkollegs und Graduiertenschulen.
Die Selbstkontrolle in der Wissenschaft, zu der besonders das bereits 1998 von der DFG etablierte Ombudsman-System beiträgt, funktioniert gut und die vorhandenen Sanktionsmöglichkeiten sind ausreichend. Sie sollten jedoch noch stärker im Bewusstsein der einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf allen Ebenen in den Hochschulen und Institutionen verankert werden. Denn nichts in der Wissenschaft ist so gut, als dass man es nicht verbessern könnte. Eine allein auf Misstrauen gegründete Kontroll- und Prüfkultur jedoch entspricht nicht dem Wesen von Wissenschaft.”
Ich denke, mit diesem “Statement” hat sich die DFG einen schlechten Dienst erwiesen. Jeder Akademiker in meinem Bekanntenkreis war empört über die Dreistigkeit, mit der Guttenberg sich seinen Titel zusammengeklaut hat. Jeder, der Monate und Jahre seines Lebens für einen wissenschaftlichen Abschluss investiert hat, kann nur entsetzt sein über die vielen Sympathisanten, die das Raubkopieren und Verwenden fremder Inhalte durch einen Spitzenpolitiker als “Schummelei” verharmlosen und mit dem Abschreiben einer Hausarbeit in der Schule vergleichen. Man muss sich ja nicht gleich in den Dienst der Opposition stellen, die aus Guttenbergs offensichtlichen Lügen politisches Kapital zu schlagen versucht.
Aber klare, unmissverständliche Worte hatte ich mir von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sehr wohl erhofft. Natürlich bin ich nicht naiv und weiß, dass es am Ende Politiker sind, die über den Milliarden-Etat der DFG entscheiden. Dies darf aber kein Grund sein, mit seiner Kritik derartig hinter dem Berg zu halten, dass sie vom Wahlvolk erstens nicht gehört und zweitens nicht verstanden wird. DFG-Präsident Kleiner mag darauf verweisen, dass Angela Merkel und Guttenberg seine Worte wohl zu deuten wissen. Ich halte dagegen, dass der Fälscher und seine Schutzpatronin dankbar sein werden für Papiere wie dieses, die bequemerweise nicht einmal von Google gefunden werden, wenn man die Suchbegriffe “Guttenberg”, “Betrug” und “DFG” kombiniert.
“Wes Brot ich ess, des Lied ich sing” – hätte meine Oma gesagt. Heute wie damals stampfe ich zornig mit dem Fuß auf den Boden und entgegne: “Das darf doch nicht wahr sein”.
28 | 01 | 2011
Neue Rubrik: Fundstücke
Geschrieben von MSimm um 12:01 Uhr
So viele gute Vorsätze, so viele tolle Entdeckungen aus Medizin und Wissenschaft – und so wenig Zeit, dies alles in ausführlichen Artikeln aufzuschreiben und zu vermarkten. Nachdem ich wöchentliche Meldungen nicht hin gekriegt habe (die Konjunktur zieht an und ich habe – juchuu! – wieder einen Schreibtisch voller anständig bezahlter Aufträge), werden auf Simmformation.de künftig monatlich Kurzmeldungen unter der Kategorie “Fundstücke” erscheinen. Sehen Sie es als einen weiteren bescheidenen Versuch, die Spreu vom Weizen zu trennen, auf wichtige Entwicklungen zu verweisen und Hintergründe sichtbar zu machen. Wo immer möglich gibt es auch Links zu den (meist englischsprachigen) Quellen und Originalpublikationen. “Mini-Meldungen” von maximal 140 Zeichen können Sie außerdem kostenlos beziehen, wenn Sie mir auf Twitter folgen (siehe rechts).
Das war der Januar 2011:
- Reha durchs Internet: Patienten mit einem künstlichen Knie erholen sich nach der Operation ebenso gut zuhause mit einem Internet-basierten Rehabilitationsprogramm wie durch eine Physiotherapie in der Klinik, berichtet Trevor Russell von der School of Health and Rehabilitation Science der Universität von Queensland im australischen Brisbane in der Fachzeitschrift Journal of Bone and Joint Surgery. “Das Konzept der Telerehabilitation ist zehn Jahre alt, jedoch gab es bisher kaum ordentliche Studien, die deren Nutzen und Möglichkeiten beweisen”, begründete Russell seine Untersuchung mit 65 Patienten. Nach dem Losprinzip erhielten diese Patienten entweder sechs Wochen lang die übliche Physiotherapie in der Klinik, oder sie sahen die Anweisungen eines Physiotherapeuten daheim mithilfe einer eigens entwickelten Kombination aus PC, Webcam, Spezialmikrofon und der dazugehörigen Software. Am Ende der Studie hatte sich der Gesundheitszustand der Patienten in beiden Gruppe ähnlich gut verbessert. Unter anderem hatten Russell und seine Kollegen dies anhand Tests zur Beweglichkeit, Muskelkraft, Laufgeschwindigkeit und auch der Lebensqualität nachweisen können. Unterm Strich waren die Teilnehmer der Telerehabilitation darüber hinaus mit ihrer Behandlung zufriedener als jene, die eigens in die Klinik kamen. “Sie würden sich wieder dafür entscheiden und diese Methode auch ihren Freunden empfehlen”, sagte Russell. Die spezielle Ausrüstung im Versuch der australischen Wissenschaftler könnte womöglich schon bald durch Programme ersetzt werden, die auch auf gewöhnlichen Multimedia-PCs laufen, erklärte der Gesundheitsforscher. (Quelle: American Academy of Orthopaedic Surgeons via Eurekalert. Originalpublikation hier).
- Mehr Straßenlärm, mehr Schlaganfälle: Bei Menschen über 65 Jahren steigt das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden mit jeweils 10 Dezibel um 27 Prozent. Dies berichtet eine Arbeitsgruppe um Dr. Mette Sørensen vom Institut für Krebs-Epidemiologie im dänischen Kopenhagen. “Frühere Studien haben eine Beziehung zwischen Straßenlärm, erhöhtem Blutdruck und Herzinfarkten aufgezeigt”, erinnerte Sørensen, “und unsere Studie trägt nun zu den Beweisen bei, dass Straßenlärm eine Vielzahl von Herz-Kreislauferkrankungen verursachen kann.” Ausgewertet wurden die Daten von mehr als 50000 Dänen, deren Gesundheitsstatus man im Rahmen einer großen Studie über Ernährung, Krebs und Gesundheit gewonnen hatte. Im Verlauf der durchschnittlich zehnjährigen Beobachtungszeit war es in dieser Gruppe zu annähernd 1900 Schlaganfällen gekommen. Ein Vergleich mit dem Geräuschpegel an den Wohnorten der Studienteilnehmern hatte dann gezeigt, dass es mit zunehmendem Straßenlärm mehr Schlaganfälle gegeben hatte. Sørensen fordert deshalb, Menschen besser vor Lärm zu schützen. Zwar räumte Sørensen aber ein, es sei noch nicht nachgewiesen, dass der Lärm tatsächlich die Schlaganfälle verursacht. Wenn man jedoch von einem ursächlichen Zusammenhang ausgeht, wäre Straßenlärm für etwa acht Prozent aller Schlaganfälle verantwortlich und sogar für 19 Prozent aller Hirnschläge bei über 65-Jährigen (Quelle: Pressemitteilung der European Society for Cardiology via Eurekalert. Originalartikel: Road traffic noise and stroke: a prospective cohort study. European Heart Journal. doi:10.1093/eurheartj/ehq466).
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Das Geheimnis des Kuhmagens: Noch ist sie nicht besonders effektiv, die Umwandlung von Pflanzenmasse in Biosprit. Ein Bericht in der Fachzeitschrift Science verheißt jedoch einen großen Schritt nach vorne bei dieser Zukunftstechnologie. Den Schlüssel dazu könnten bislang unbekannte Mikroorganismen und deren Enzyme liefern, die Forscher im Inneren eines Kuhmagens aufgespürt haben. Daraus extrahierten Matthias Hess und seine Kollegen vom Joint Genome Institute, dem Lawrence Berkeley National Laboratory und der UC Berkeley unter anderem das Erbmaterial von 15 Mikroben, die in der freien Natur Biomasse verdauen, die sich bisher aber nicht im Labor züchten ließen. Außerdem puzzelten sie Genfragmente zusammen, welche die Bauanleitungen für zehntausende von Biokatalysatoren darstellen, die Pflanzenmaterial zerlegen (Quelle: Pressemitteilungen der University of Illinois und des DOE/Joint Genome Institute, beide via Eurekalert. Originalartikel: Metagenomic Discovery of Biomass-Degrading Genes and Genomes from Cow Rumen. Science 28 January 2011: Vol. 331 no. 6016 pp. 463-467. DOI: 10.1126/science.1200387).
- Vitamine nutzlos, Fischöl ebenso. Dies gilt zumindest für Patienten, die einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erlitten haben. In einer randomisierten Studie französischer Wissenschaftler ergab sich unter 2501 Teilnehmern in vier Gruppen kein Unterschied in der Häufigkeit schwerwiegender kardiovaskulärer Ereignisse. Immer wieder hatten Wissenschaftler in den vergangenen 15 Jahren berichtet, dass Menschen, die mehr B-Vitamine oder Omega-3-Fettsäuren zu sich nehmen, seltener einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erlitten als der Durchschnitt der Bevölkerung. Auch wusste man bereits, dass schon moderat erhöhte Blutwerte des Stoffwechselproduktes Homocystein mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen einhergehen und dass Nahrungsergänzungsmittel mit Folsäure und Vitamin B12 den Homocystein-Blutspiegel um ein Viertel zu senken vermögen. Die Hoffnung, durch die Gabe von Vitaminen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verringern, wurde aber inzwischen in neun großen Studien enttäuscht, und Untersuchungen mit Omega-3-Fettsäuren hatten widersprüchliche Ergebnisse erbracht. “Diese Untersuchung bestätigt somit erneut, dass positive Zusammenhänge aus Beobachtungsstudien keine gute Grundlage für Empfehlungen gegenüber den Patienten sind“, warnt Professor Hans-Christoph Diener, Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Duisburg-Essen (Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Originalpublikation hier).
- Betrug im Gesundheitswesen: 700 Verurteilungen wegen Versicherungsbetrug gab es im vergangenen Jahr im US-amerikanischen Gesundheitswesen. Wenn ich einen Bericht im Deutschen Ärzteblatt richtig interpretiere, erhielt die US-Regierung deswegen im vergangenen Haushaltsjahr vier Milliarden Dollar Entschädigungen von Pharmafirmen, Kliniken, Ärzten und Pflegeheimen, die zumeist die staatliche Krankenversicherung Medicare übers Ohr gehauen hatten. Glaubt man dem republikanischen Abgeordnete Darrell Issa, sind die Betrugsfälle aber nur die Spitze des Eisberges: Der behauptet nämlich, dass jährlich 92 Milliarden Dollar ´draufgehen für die Erstattung von Behandlungen, die gar nicht stattgefunden haben.
- Hormon stärkt Gedächtnis: Ein neues Ziel für das Gehirndoping haben Wissenschaftler um Christina Alberini an der Mount Sinai School of Medicine in New York ausgemacht. Bei Ratten verbesserte das Eiweiß IGF-II nicht nur die Fähigkeit, Neues zu lernen, sondern die Tiere vergaßen ihre Lektionen auch seltener als unbehandelte Artgenossen. Damit dies funktioniert musste IGF-II allerdings binnen ein bis zwei Wochen nach der Lektion ins Gehirn gespritzt werden oder zeitgleich mit dem Versuch, Gedächtnisinhalte abzurufen, berichtet das Fachmagazin Nature in der Ausgabe vom 27. Januar (Quelle: A critical role for IGF-II in memory consolidation and enhancement, Nature 469, 491–497. doi:10.1038/nature09667. Siehe auch den ausführlicheren Bericht hierzu im Deutschen Ärzteblatt).
- Globale Erwärmung: 2010 war zusammen mit 2005 das wärmste Jahr seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen. Eine vorläufige Berechnung der US National Oceanic and Atmospheric Administration ergab, dass 2010 um 0,62 Grad Celsius wärmer war, als der Durchschnitt für das 20ste Jahrhundert. Es war außerdem das Jahr mit den bislang größten Niederschlägen.
- Einzelfall: Tiefe Hirnstimulation senkt therapieresistenten Bluthochdruck (Quelle: Patel NK et al. Deep brain stimulation relieves refractory hypertension. Neurology. 2011 Jan25;76(4):405-407 ).
Und außerdem:
- Scheidungskinder denken 2-3 Mal häufiger an Selbstmord, sagen kanadische Psychologen.
- Doping: Jeder 8. junge Gewichtheber in den USA nimmt illegal HGH oder IGF-1, dazu Steroide und Drogen von der Straße.
- Darmkrebs: Ein Gentest von Forschern der TU München und Agendia soll Rückfall-gefährdete Patienten aufspüren.
- Gentests: Menschen wollen Wissen, keine Bevormundung, urteilt John Tierney in der New York Times.
- Asthma: Warnung vor dem Anfall durch einen “Entzündungs-Sensor” für die Atemluft?
- Verpackung aus “Killerpapier” mit Nanobeschichtung soll Bakterien in Lebensmitteln bekämpfen.
01 | 01 | 2011
Teures Fahrrad fährt nicht schneller
Geschrieben von MSimm um 0:56 Uhr
Ob man sich für 60 Euro ein gebrauchtes und schweres Billig-Fahrrad kauft, oder ob man den 20-fachen Preis zahlt für ein High-Tech-Bike mit einem ultraleichtem Rahmen aus Karbon macht zumindest in der Geschwindigkeit keinen Unterschied. Zu diesem überraschenden Schluss kommt der Mediziner und Hobbyradler Dr. Jeremy Groves vom Chesterfield Royal Hospital, der dazu eine Studie im British Medical Journal veröffentlicht hat.
Im Stil einer wissenschaftlichen Untersuchung und gewürzt mit typisch britischem Humor berichtet Groves vom Kauf des 1180 Euro teuren Leichtfahrrads, das durch eine Steuerbegünstigung zugunsten umweltfreundlicher Pendler für ihn zum Schnäppchen geworden war. Es wog nur 9,5 Kilogramm und damit satte vier Kilogramm weniger als sein altes Rennrad mit einem Stahlrahmen.
Schon mit dem „Oldtimer“, den Groves für nur 60 Euro gebraucht gekauft hatte, war der Mediziner regelmäßig von seinem Haus in Sheffield ins 22 Kilometer entfernte Chesterfield zur Arbeit gefahren. Voller Vorfreude sei er gewesen und die Insider hätten erwartet, dass er mit dem neuen Karbon-Rad zehn Prozent schneller fahren würde. Zwar habe er damit tatsächlich an einem sonnigen Morgen einen neuen Rekord aufgestellt und die einfache Strecke in 43 Minuten geschafft. Dann aber musste er wegen eines Platten nochmals auf sein altes Gefährt zurück greifen – und stellte fest, dass er mit 44 Minuten fast gleich schnell war wie mit dem teuren Neukauf.
„War das nur ein komischer Zufall oder hatte ich tatsächlich 1120 Euro mehr ausgegeben, um eine Minute Fahrzeit einzusparen?“, fragte sich Groves und entschloss sich zu dem Experiment, bei dem über mehrere Monate der Wurf einer Münze darüber entschied, mit welchem Fahrrad er zur Arbeit fuhr.
Das erstaunliche Ergebnis: Für 28 Hin- und Rückfahrten mit dem schweren Gebrauchtrad benötigte der fitte Doktor durchschnittlich eine Stunde, 47 Minuten und 48 Sekunden. Bei 25 Fahrten mit dem 30 Prozent leichteren Karbon-Rad brauchte er im Mittel eine Stunde, 48 Minuten und 21 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit hatte auf beiden Rädern 58 km/h betragen. Weiterhin informiert uns der forschende Hobby-Radler: “Die langsamste Fahrt war mit dem Karbon-Rad in heftigem Schneetreiben (2:03:20), die schnellste auf dem Stahlrad als direktes Ergebnis einer Wettfahrt mit einem fitten Kollegen (1:37:40)”. Dabei hatte Groves sogar jeweils beachtliche 843 Höhenmeter überwinden müssen.
“Das Ergebnis steht im Widerspruch zu der gefühlsmäßigen Annahme, dass weniger (Fahrrad-) Gewicht mehr Geschwindigkeit bedeutet”, schreibt Dr. Groves süffisant. „Nicht auf das Fahrrad kommt es an“, zitiert er den siebenmalige Tour de France-Gewinner Lance Armstrong und rät seinen Lesern zum Schluss: “Ein neues, leichtgewichtiges Fahrrad mag äußerst attraktiv erscheinen. Doch eine Gewichtsreduktion des Fahrers verspricht den größeren Nutzen bei geringeren Kosten”.
Quelle:
Groves J. Bicycle weight and commuting time: randomized trial. BMJ 2010;341:c6801
09 | 07 | 2010
Mustergeschöpfe – Ausstellung in Schorndorf
Geschrieben von MSimm um 10:59 Uhr
Statt Nachrichten aus der Medizin gibt es heute einmal Denkanstöße aus der Kunst und eine Diskussion zu vermelden: “Mustergeschöpfe – Zwischen hohen Erwartungen und großen Befürchtungen” heißt eine Ausstellung, die am Freitag, dem 9. Juli um 19:00 mit einer Vernissage im Röhm eröffnet – auch bekannt als Alte Lederfabrik Schorndorf. Dort stellt die Künstlerin Verena Braunstein interessante Fragen: Macht es uns glücklicher, wenn wir all das verwirklichen, was möglich ist? Wenn alle Menschen vollkommen sind, verlieren wir dann unsere Identität?
“Da wachsen Zwitterwesen in einem Garten heran, kraftvolle Keimlinge strecken sich und Leckereien verführen uns zur Gestaltung unserer selbst – gleichzeitig gerät da auch etwas aus den Fugen, verläßt den kontrollierbaren Bereich, entwickelt ein Eigenleben”, heißt es im Prospekt. Es geht also um die Grenzbereiche des wissenschaftlichen Fortschritts, insbesondere um die Reproduktionsbiologie. Und weil die mich ebenso interessiert wie Frau Braunstein werde ich an diesem Tag gleich zwei mal mitdiskuttieren, sowohl in einer geschlossenen Schülerveranstaltung, als auch nach der Vernissage mit den Besuchern der Ausstellung. Und wer am Freitag nicht kommen kann, bekommt an folgenden Terminen eine zweite Chance, die Ausstellung zu sehen und sich näher mit der Thematik zu befassen:
- Am 11. Juli gibt es um 11:00 eine Sonntagsmatinée mit Frau Annegret Braun, Leiterin der Beratungsstelle Pränataluntersuchung und Aufklärung des Diakonischen Werks Württemberg. “Auf dem Weg zum perfekten Kind” lautet das Thema und es geht dabei um die Angst werdender Eltern, schon während der Schwangerschaft etwas zu versäumen. Das Thema geriet erst vor wenigen Tagen in die Schlagzeilen, nachdem der Bundesgerichtshof in einem Grundsatzurteil die Präimplantationsdiagnostik außerhalb des Mutterleibs quasi erlaubt hat (genauer: Sie wird nicht bestraft).
- Die Ausstellung ist geöffnet am Samstag, dem 10.7. von 15:00 bis 19:00 und am Sonntag, dem 11.7. von 11:00 bis 18:00 sowie am
- Freitag, dem 16.7. von 16:00 bis 21:00, Samstag 17.7. von 15:00 bis 19:00 und Sonntag 18.7. von 11:00 bis 18:00.
Für alle, denen der Weg nach Schorndorf zu weit ist, oder die sich nach der Ausstellung noch aus weiteren Quellen über die Möglichkeiten, Grenzen und auch den Missbrauch der Techniken zum “Baby-machen” informieren wollen, habe ich folgende Lese- und Videotipps:
- Die Wikipedia mit zahlreichen Fakten zur künstlichen Befruchtung
- “Frozen Angels” (Engel auf Eis) von Frauke Sandig und Eric Black ist eine spannende, 90-minütige Dokumentation über die US-Befruchtungsindustrie und deren Auswüchse, die seit dem Erscheinen des Films im Jahr 2005 keineswegs geringer geworden sind. Der Film hat sogar eine eigene Webseite, Sie können sich aber auch die DVD bei Amazon bestellen.
- Deutlich kürzer, mit Schwerpunkt auf den Verhältnissen in Deutschland und deutlich positiver wurde das Thema dargestellt in einer Quarks & Co Sendung im September 2008 mit dem Titel: Der steinige Weg zum Wunschkind. Auf der WDR-Webseite kann man sowohl ein Manuskript als auch einen Mitschnitt bestellen. Ganz nebenbei wäre es wohl auch eine interessante Übung für das Fach Medienkunde, den Film “Frozen Angels” mit der WDR-Produktion zu vergleichen.
- Der Science-Fiction Film GATTACA schließlich greift in äußerst beeindruckender Weise das Thema der Optimierung des Menschen durch die Möglichkeiten der Gentechnik auf. Als gelernter Genetiker halte ich GATTACA für einen der besten – und realistischsten – Science-Fiction-Filme überhaupt. Eine schöne Besprechung findet sich auf Wikipedia, und natürlich kann man auch diese DVD bei Amazon bestellen.
- Zurück in der Wirklichkeit: Die Kinderwunsch-Seite
gibt Nachhilfe nicht nur über die Grundlagen der Fruchtbarkeit und die natürliche Familienplanung, sondern informiert auch über die zahlreichen Methoden, mit denen Ärzte versuchen, unerfüllte Kinderwünsche zu verwirklichen. Ergänzt wird die gut gemachte Seite durch ein sehr reges Forum, Buchtipps und zahlreiche Service-Angebote.
16 | 06 | 2010
Warum wir immer die Falschen wählen
Geschrieben von MSimm um 15:08 Uhr
Zweifel an unserem Wahlsystem habe ich nicht erst seit Merkel & Co sich mit immer neuen Gesetzen über den Willen des Volkes hinwegsetzen. Oder bevorzugen Sie etwa Christian Wulff als Bundespräsident gegenüber Joachim Gauck? Hätten Sie für die Griechenlandhilfe gestimmt? Waren Sie für eine “Transferunion”, bei der Deutschland mit mindestens 175 Milliarden für andere Euro-Länder haftet? Wollten Sie die “notleidenden Banken” retten, und haben Sie ihre D-Mark freiwillig gegen den Euro eingetauscht? Und wie kommt es eigentlich, dass ein ums andere Mal Politiker gewählt werden, die offensichtlich inkompetent sind und die immer wieder damit durchkommen, uns frech zu belügen?
Nun, zumindest auf die letzte Frage haben Wissenschaftler des University College London und der Universität Princeton (USA) eine überzeugende Antwort gefunden: Wir sind selbst schuld. Die meisten Wähler vergeben ihre Stimmen nämlich nicht etwa nach gründlicher Überlegung an diejenigen mit den besten Argumenten. Entschieden wird vielmehr anhand von Oberflächlichkeiten – etwa weil der scheinbar entschlossene Gesichtsausdruck des einen Kandidaten gefällt, die nachdenkliche Mimik des Konkurrenten aber nicht.
“Wähler beurteilen die Kompetenz von Politikern anhand von deren Gesichtsausdrücken und aufgrund dieser, auf Äußerlichkeiten basierenden Urteile kann man sowohl das Wahlverhalten des Einzelnen als auch den Ausgang der Wahl insgesamt vorhersagen”, heißt es in einer Pressemitteilung des Springer-Fachverlages, bei dem Dr. Christopher Olivola
und Professor Alexander Todorov ihre Untersuchung veröffentlicht haben. Die Erklärung für dieses unselige Verhalten lautet: Weil das Gehirn eine ganze Flut von Informationen über die Kandidaten verarbeiten müsste, um zu einer gut fundierten Entscheidung zu kommen, sei es keine Überraschung, dass die Wähler “geistige Abkürzungen” nehmen. Heraus gefunden haben Olivola und Todorov dies mit einer interessanten Kombination aus Literaturstudium und Computersimulation. Erst haben die beiden Psychologen jene Gesichtsausdrücke identifiziert, die gemäß früheren Studien bei den meisten Menschen den Eindruck von Kompetenz erwecken. Dann manipulierten sie mit dem Computer diese Gesichtsausdrücke und ermitteln die Reaktionen ihrer freiwilligen Versuchspersonen. Heraus kam, dass der Anschein von Reife einerseits und körperliche Attraktivität andererseits die beiden wichtigsten Merkmale waren, aufgrund derer die Studienteilnehmer jemanden für kompetent hielten.
“Es wird keine leichte Aufgabe, die Menschen dazu zu bewegen, diese Macht des ersten Eindrucks zu überwinden”, fürchten Olivola und Todorov. Wegen der Schnelligkeit und dem Automatismus, mit dem Schlussfolgerungen aufgrund von Oberflächlichkeiten getroffen werden, seien diese Urteile nur schwer zu korrigieren. “Noch dazu ist es den Leuten oft nicht einmal bewusst, dass sie ihre Urteile anhand des Aussehens der Anderen treffen.” Ein Patentrezept haben die beiden Forscher deshalb nicht zu bieten. “Den Einfluss des Fernsehens und anderer Medien zu kontrollieren wäre wohl extrem schwierig. Den Wählern eine bessere Bildung zukommen zu lassen wäre wahrscheinlich die bessere Strategie”, spekulieren die beiden Wissenschaftler.
Quelle:
20 | 04 | 2010
Gut so: Mehr Geld für die Forschung
Geschrieben von MSimm um 18:20 Uhr
Jeder lebt in seiner eigenen Welt – aber meine ist die Richtige. Das singen nicht nur die Lassie-Singers auf einer leider längst vergriffenen CD. Auch ich will nicht bestreiten, manchmal eine sehr spezielle Sicht der Dinge zu haben. So sind zum Beispiel in meiner Welt die Forscher und Wissenschaftler, die Ärzte und die Ingenieure die Guten. Die Bösen dagegen sind die Banker, die Juristen und natürlich die Politiker – von der einen oder anderen Ausnahme ´mal abgesehen
So gesehen ist es sehr erfreulich, dass in Deutschland immer mehr Geld für die Forschung ausgegeben wird, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) berichtet. Demnach gaben alleine die außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Deutschland im Jahr 2008 9,3 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung aus. Das waren 9,4% mehr als im Jahr 2007.
Ein Teil der Ausgabensteigerung sei auf “Sondereffekte bei der Max-Planck-Gesellschaft zurückzuführen, deren Haushalt zur Steuerkompensation aufgrund der Neubeurteilung der Unternehmereigenschaft durch die Finanzbehörden erhöht worden war”, heißt es in einer Presemitteilung und was dies nun genau zu bedeuten hat ist mir ziemlich schleierhaft.
Jedenfall betrug die Steigerung auch ohne die Einrichtungen der Max-Planck-Gesellschaft 7,4 Prozent, und das ist ein gutes Zeichen. Noch besser finde ich, dass gut drei Viertel (75,9%) der Ausgaben für außeruniversitäre Forschung allein auf die Bereiche Naturwissenschaften (4,6 Milliarden Euro) und Ingenieurwissenschaften (2,5 Milliarden Euro) entfielen. Mit 1,2 Milliarden Euro haben die Geistes- und Sozialwissenschaften, meines Erachtens genug abgekriegt, schließlich sind Bleistifte billiger als Teilchenbeschleuniger und DNA-Sequenzer. Ziemlich knickrig scheint der Staat aber bei der Humanmedizin mit schlappen 0,6 Milliarden Euro (6,5%) gegenüber 0,5 Milliarden Euro (5,2%) für die agrarwissenschaftliche Forschung. Ist die Gesundheit nicht des Menschen höchstes Gut? Und sollten wir uns das nicht etwas mehr kosten lassen als – sagen wir Subventionen für betrügerischere Mitgliedsländer der Euro-Zone?
Aber ich will ja nicht polemisieren, sondern nur weitergeben, was ich vom Statistischen Bundesamt gelernt habe. Demnach entfielen im Jahr 2008 mit 7,1 Milliarden Euro gut drei Viertel (75,6%) der gesamten außeruniversitären Forschungsausgaben auf die gemeinsam von Bund und Ländern geförderten privaten Forschungseinrichtungen. Im Einzelnen waren dies die Helmholtz-Zentren mit 3,0 Milliarden Euro, die Institute der Max-Planck-Gesellschaft mit 1,6 Milliarden Euro, die Institute der Fraunhofer-Gesellschaft mit 1,4 Milliarden Euro und die Einrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft mit Ausgaben von 1,0 Milliarden Euro. Auf die Akademien der Wissenschaften entfielen 100 Millionen Euro.
Schaut man auf die Gesamtbilanz, so entfiel nicht einmal ein Drittel der gesamten Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland im Jahr 2008 auf die außeruniversitären Forschungseinrichtungen und die Hochschulen. Nahezu 70% der gesamten Forschungstätigkeiten fanden dagegen in Unternehmen statt. Insgesamt wurden 2008 nach vorläufigen Berechnungen 66,1 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung aufgewendet. Dies entspricht einem Anteil von 2,6% am Bruttoinlandsprodukt. Das ist zwar nicht wenig. Allerdings sind alleine die Staatsschulden im Vorjahr um satte 116 Milliarden Euro auf nunmehr 1762 Milliarden Euro gewachsen. 45 Milliarden davon haben übrigens die Stützungsaktionen für die “notleidenden Banken” gekostet. Wo unser Steuergeld besser angelegt wurde, mag jeder selbst beurteilen.
21 | 01 | 2010
US-Kids nutzen Medien fast acht Stunden täglich
Geschrieben von MSimm um 13:04 Uhr
US-amerikanische Kinder und Jugendliche verbringen durchschnittlich sieben Stunden und 38 Minuten pro Tag vor dem Fernseher, mit Videospielen oder beim surfen im Internet. In den vergangenen fünf Jahren habe der Medienkonsum um 1 Stunde und 17 Minuten zugenommen und ist nun auf einem neuen Rekordhoch angelangt heißt es in einem Bericht der Kaiser Family Foundation. Befragt wurden für den Bericht 2000 Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 18 Jahren.
Wie Victoria Rideout, eine der Autorinnen des Berichtes vorrechnet, liegt die Zeit für den Medienkonsum dieser Mädchen und Jungen mit 53 Stunden pro Woche erheblich über dem, was berufstätige Erwachsene mit Arbeit verbringen. Weil die Kinder oftmals mehr als ein Medium gleichzeitig nutzen, schaffen sie es sogar, täglich den Gegenwert von zehn Stunden und 45 Minuten an Inhalten zu konsumieren. Diese Zahlen beinhalten ausschließlich den Gebrauch von Medien zur Unterhaltung. Nicht eingeschlossen wurde beispielsweise die Zeit am Handy, in der tatsächlich telefoniert wurde sowie die Nutzung von Computern für die Schularbeiten.
Zu der Entwicklung beigetragen habe wohl auch die explosionsartige Vermehrung von Handys, iPods und ähnlichen Geräten, vermutet Rideout. Während im Jahr 2004 “nur” 39 Prozent der US-Kids ein Handy besaßen, sind es mittlerweile 66 Prozent, also zwei Drittel. Gleichzeitig erhöhte sich der Anteil der Jugendlichen mit MP3-Spielern von 18 auf 76 Prozent. Mit 49 gegenüber 33 Minuten wird dem Bericht zufolge mit den Handys auch deutlich mehr gespielt und Musik gehört, als telefoniert. Auch Fernsehgeräte prägen weiterhin den Alltag. Sie laufen bei 64 Prozent aller amerikanischen Familien auch während der Mahlzeiten und sind in 45 Prozent der Haushalte “fast die ganze Zeit” angeschaltet – auch wenn niemand die Sendungen verfolgt. Zusätzlich zu den Geräten im Wohnzimmer stehen Fernseher in 71 Prozent aller Kinderzimmer.
Obwohl die US-Kids nach wie vor etwa 25 Minuten täglich damit verbringen, Bücher zu lesen, scheinen Zeitschriften und Tageszeitungen immer weniger zu interessieren. Binnen fünf Jahren sank die für Zeitschriften aufgebrachte Zeit von 14 auf 9 Minuten täglich. Für Tageszeitungen halbierte sich dieser Wert im gleichen Zeitraum von sechs auf drei Minuten. Dass die Kinder und Jugendlichen nunmehr zwei Minuten täglich Zeitungen und Zeitschriften online lesen, konnte den Rückgang in der Lesebilanz nicht ausgleichen.
Viel lieber verbringen die Heranwachsenden ihre Online-Zeit mit YouTube. Die Webseite, auf der man fremde Videos anschauen und eigene präsentieren kann, besuchen typische US-amerikanische Jugendliche 15 Minuten am Tag. Noch lieber tummeln sie sich aber in Facebook und anderen sozialen Netzwerken. Drei Viertel der Schüler in den Klassen sieben bis zwölf haben dort ein Profil mit persönlichen Daten angelegt, fanden die Forscher heraus.
Ob der Medienkonsum zu schlechteren Schulnoten führt, lassen die Autoren des Berichtes offen. Allerdings bemerken sie, dass unter jenem Fünftel der Kinder mit heftigem Mediengebrauch (mehr als 16 Stunden pro Tag) beinahe die Hälfte schlechte Schulnoten hatte. Unter den Kindern mit weniger als drei Stunden täglichem Mediengebrauch betrug der Anteil mit schlechten Schulnoten dagegen nur 23 Prozent – also weniger als ein Viertel.
Im Vergleich zu den USA, wo die Kaiser Family Foundation nunmehr schon den dritten umfassenden Bericht zur Mediennutzung Jugendlicher vorgelegt hat, sind die Daten für Deutschland eher lückenhaft. Aus einer Übersicht der Hessischen Landesstelle für Suchtgefahren kann man jedoch auf eine Fernsehzeit von täglich etwa drei Stunden schließen. Forscher der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Mainz haben zudem kürzlich 256 Schüler im Saarland befragt und dabei festgestellt, dass diese Werktags durchschnittlich 3,2 Stunden aktiv im Internet verbrachten, an den Wochenenden waren es sogar 4,3 Stunden.
Quelle:
- Generation M2: Media in the Lives of 8- to 18-Year-Olds. Program for the Study of Media and Health der Kaiser Family Foundation
Weitere Informationen:
- Seit 1999 führt der medienpädagogische Forschungsverbund Südwest regelmäßige Studien zum Stellenwert der Medien bei Kindern (KIM) und Jugendlichen (JIM) durch.
- Fernsehen macht “dick, dumm und gewalttätig”, argumentiert der Hirnforscher Professor Manfred Spitzer in vielen seiner Bücher. Eine Rezension zu seinem Werk “Vorsicht Bildschirm” finden Sie hier.
- Gewalt durch neue Medien? Ein Interview mit Professor Manfred Beutel




