USA: Pharma-Lobby schreibt Reden für Politiker

Hut ab vor dem Kollegen Robert Pear, der am vergangenen Sonntag in der New York Times auf Seite 1 enthüllte, wie die Gentechnikfirma Genentech Dutzenden von US-Politikern ihre Worte in den Mund legte. „Im Parlament sprechen viele mit einer Sprache – und zwar der der Lobbyisten“, so könnte man die Überschrift des Artikels übersetzten (hier geht´s zum Original). Dem Journalisten war aufgefallen, dass viele Politiker immer wieder die Biotech-Industrie lobten – und zwar teilweise mit identischen Sätzen. Einer der sich dafür nicht zu Schade war, war der Republikanische Abgeordnete Joe Wilson. Während der heftigen Debatten um die Reform des US-amerikanischen Gesundheitssystems sagte Wilson: „Einer der Gründe, warum ich die US-Biotechindustrie schon lange unterstützte ist, dass dies eine hausgemachte Erfolgsgeschichte ist und ein Motor zur Schaffung neuer Arbeitsplätze für unser Land“. Den Exakt gleichen Satz hatte auch Wilsons Parteigenosse Blaine Luetkemeyer genutzt. Die schönen Worte stammten allerdings nicht von den beiden „Volksvertretern“, sondern sie wurden von Lobbyisten geschrieben, die in der US-Hauptstadt Washington für die Firma Genentech arbeiten.

E-Mails, die der New York Times vorliegen, zeigen demnach, dass die Lobbyisten die gleiche Botschaft in zwei Varianten an die Abgeordneten heran trugen: Eine für Angehörige der Demokratischen Partei und eine zweite Variante für Republikaner. Mit dieser Strategie seien die Lobbyisten so erfolgreich gewesen, dass die entsprechenden Äußerungen auch mehrfach im Congressional Record landeten, der offiziellen Zeitung, in der alle Tätigkeiten und Debatten des US-Parlaments für die Öffentlichkeit und die Geschichtsbücher dokumentiert werden.

Genentech, das mittlerweile vom Schweizer Pharmariesen Roche übernommen wurde, war die erste reine Biotechnologiefirma der Welt und zählt heute zu den vier größten Unternehmen in diesem Bereich. Wie Pear berichtet, hätten insgesamt 42 Abgeordnete beider Parteien Argumente aus den Vorlagen der Lobbyisten übernommen. Die nahe liegende Frage, ob und welche Gegenleistungen die Politiker für das Nachplappern der Pharmaparolen bekommen haben, beantwortet der Journalist zwar nicht. Pear deckt aber auf, dass die Stellungsnahmen aus der Feder von Matthew L. Berzok stammen, einem Anwalt der Kanzlei Ryan, MacKinnon, Vasapoli & Berzok. Verteilt wurden die Statements dann von den Lobbyisten einer anderen Kanzlei, Sonnenschein Nath & Rosenthal. Zum Beweis zitiert Pear aus einer E-Mail, die einer der Leiter der Kanzlei geschrieben hat: „“Wir versuchen alles menschenmögliche, um so viele republikanische und demokratische Kongressabgeordnete für diese Stellungsnahmen zu gewinnen, wie wir können“, gab Todd M. Weiss die Richtung vor und wies seine Lobbyisten an: „aggresiv auf unsere Kontaktleute einzuwirken, damit deren Bosse die angehängten Stellungsnahmen in die öffentlichen Aufzeichnungen bringen.“

Pear hat übrigens auch einen nicht namentlich genannten Lobbyisten befragt, „der Genentech nahe steht“. Für diesen Mann war die Sache offensichtlich wenig aufregend: „So etwas passiert jeden Tag“, sprach der Lobbyist. „Daran war überhaupt nichts Schändliches.“

MSimm
Journalist für Medizin & Wissenschaft

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